Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ewa Kupiec wird Professorin an der Musikhochschule
Nachrichten Kultur Ewa Kupiec wird Professorin an der Musikhochschule
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:25 16.02.2012
Von Stefan Arndt
„Irgendwann jenseits der 40 werden die Leute müde von der Popmusik“: Ewa Kupiec ist um die Zukunft der Klassik nicht bange. Quelle: Laion
Hannover

Mit einer Spur von Resignation schweift der Blick von Ewa Kupiec durch den Raum, in dem sie arbeitet. Schon beim Gang durch die Betonflure der hannoverschen Musikhochschule hatte sie sich an der kargen Architektur des Gebäudes gestoßen. Dann zuckt sie die Achseln. „Ich bin nicht so verwöhnt, was das betrifft“, sagt die Polin achselzuckend und verweist auf ihre Geburtsstadt Kattowitz. Und schließlich komme es ohnehin nur auf den Inhalt an. Dafür ist sie nun selbst verantwortlich – seit diesem Semester ist die 47-Jährige Klavierprofessorin in Hannover.
Die Neue ist nicht nur als Frau eine Ausnahme im Kreis der renommierten männlichen Klavierprofessoren: Während ihre Kollegen sich vor allem auf das Unterrichten verlegt haben, ist sie eine sehr aktive – und erfolgreiche – Konzertpianistin. Vor fast 20 Jahren startete Kupiec eine internationale Karriere, die sie heute auf die großen Bühnen der Welt führt. Ihre polnische Heimat hat sie dabei längst hinter sich gelassen: Mit ihrem amerikanischen Lebensgefährten und ihrer Stieftochter wohnt sie überwiegend in der Nähe von Spoleto in Italien.

Ihre große Konzerterfahrung möchte Kupiec nun erstmals an Studenten weitergeben. „Man sollte nicht nur im Kämmerlein sitzen und für sich üben“, rät sie den jungen Musikern. Anders als noch vor wenigen Jahren müsse man die Werbung für sich selbst in die Hand nehmen. Vor allem Pianistinnen möchte Kupiec dabei unterstützen. Es sei auffällig, dass sich nicht sehr viele Frauen dauerhaft im Konzertbetrieb etablierten. Dass junge, schöne Menschen sich zwar leicht vermarkten ließen, aber auch schnell wieder fallen gelassen würden, sei nur ein Grund dafür. Frauen seien nicht unbedingt auf eine Karriere angewiesen: „Sie haben einfach viel mehr Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten, als Männer.“ Für den Konzertbetrieb sei die Fixierung auf Jugendlichkeit aber eine schlechte Entwicklung: „Auf dem Podium ist es wie im Theater“, sagt sie: „Man braucht dort alle Generationen – alle haben etwas eigenes zu sagen.“

Doch auch in Kupiecs Schule des Lebens bleibt das Klavierspielen das Wichtigste. Schließlich gehe es bei einem Konzertbesuch nicht nur um Entspannung und das schöne Essengehen danach. „Musik hat eine existenzielle Dimension“, sagt die Professorin – und die Musiker müssten das hörbar machen. Als Pianist dürfe man nie darauf bauen, dass man das Klavierspielen einmal endgültig gelernt habe. „Man kann das Publikum nicht belügen“, sagt sie und räumt ein, dass selbst sie noch nervös werde, wenn sie eine Woche nicht geübt hat.

Kein Wunder also, dass Kupiec bei allem Erfolg nicht das Gefühl hat, angekommen zu sein. „Perfektion kann man nie erreichen“, sagt sie und sieht auch im Hinblick auf ihr Repertoire noch viel zu entdecken. „Bisher habe ich mich besonders bei meinen Aufnahmen auf Romantik und Moderne konzentriert.“ Das könnte sich bald ändern, denn neue Aufgaben werfen für Kupiec immer auch ein „neues Licht auf die Persönlichkeit“. Diese Einstellung mag auch ein Grund gewesen sein, warum der Verleger des russischen Komponisten Alfred Schnittke ausgerechnet auf die Pianistin kam, als er ein verschollenes  Klavierkonzert des Neutöners entdeckte und einen Interpreten dafür suchte. Zu ihren Schnittke-Aufnahme gehört nicht nur das 1964 entstandene Konzert, sondern auch ein Klavierquintett mit einem so traurig-schönen Walzer-Satz, dass man alle Scheu vor Neuer Musik verlieren muss.

Dass sie sich nicht mit einer oberflächlichen Sicht der Dinge zufriedengibt, ist auch auf anderen Kupiec-Aufnahmen zu spüren. Wer je gehört hat, wie sie Chopins erstes Klavierkonzert eindunkelt, bis man vor dem grimmigen Tonfall der Musik fast erschrickt, wird den Komponisten nicht mehr so leicht als Salonlöwen abtun. Und in mancher melancholischen Mazurka kann man mit ihr einen sarkastischen Humor entdecken, den man auch nicht selbstverständlich mit Chopin verbinden würde.

Bei solchen Klängen versteht man leichter, warum Kupiec nicht um die Zukunft der Klassik fürchtet. Das Publikum stirbt aus? Der Pianistin scheint das ganz unmöglich. Aber natürlich seien die meisten Zuhörer ältere Menschen – aus gutem Grund: „Irgendwann jenseits der 40 werden die Leute eben müde von der Popmusik und machen sich auf die Suche nach etwas Tieferem. Dann entdecken sie die Klassik.“

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Machen Fotos Politik? Eine Diskussion im Historischen Museum ergründet die Macht der Bilder – und ihre Ohnmacht.

Simon Benne 16.02.2012
Kultur Filmkritik zu „Gefährten“ - Spielberg zeigt sentimentale Pferdenummer

Ein Pferd zieht in den Krieg: In „Gefährten“ appelliert Regisseur Steven Spielberg an das Gute in Tier und Mensch. Die sentimentale Pferdenummer startet am 16. Februar im Kino.

Stefan Stosch 15.02.2012

Wladimir Putin mit dem halben Gehirn von Silvio Berlusconi: Die bitterböse Satire „BerlusPutin“ sorgt knapp drei Wochen vor der Präsidentenwahl für Furore in Russlands Theaterszene.

15.02.2012