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Kultur Experten diskutieren über Ursachen des Dschihad
Nachrichten Kultur Experten diskutieren über Ursachen des Dschihad
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02:15 03.03.2018
In der dm-Arena in Rheinstetten bei Karlsruhe (Baden-Württemberg) haben sich am 05.06.2015 Mitglieder der Muslimvereinigung Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) zum Gebet ein gefunden. Vom 05.06. bis zum 07.06.2015 findet in Karlsruhe das Jahrestreffen der als liberal geltenden Muslime statt. Rund 30 000 Gläubige werden erwartet. Foto: Uli Deck/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Muslimgebet Rheinstetten Karlsruhe Ahmadiyya Muslim Jamaat Quelle: picture alliance / dpa
Hannover

 Wer trägt mehr zur Eskalation bei? Jene, die teuflische Pläne im Namen des Islam schmieden? Oder diejenigen, die den Islam verteufeln? Sicher ist: Letztere sind die größere Gruppe. Immerhin 40 Prozent der Deutschen glauben, dass „die deutsche Gesellschaft vom Islam unterwandert“ werde. 53 Prozent nennen ihn eine „Religion der Intoleranz“, noch höher ist dieser Anteil im EU-Durchschnitt, in Italien, Polen und Portugal denken so zwei von drei Befragten. 

Diesen Zahlen hat der Bielefelder Forscher Andreas Zick jetzt in dem Herrenhäuser Forum mit dem Titel „Islam, Gewalt und Öffentlichkeit: Wer macht Dschihadisten?“ genannt. Eine Leitfrage, in der mitschwingt, dass dies auch von der wechselseitigen Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft und der islamischen Minderheit abhängt. 

„Es sollte bei diesem Thema weder eine pauschale Verunglimpfung des Islam noch eine pauschale Medienschelte geben“, sagte Ina Wunn, Professorin für Religionswissenschaften an der Leibniz-Universität, die gemeinsam mit Beate Schneider, der langjährigen Direktorin des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK) der Musikhochschule, den Impuls für dieses Forum gegeben hat. Und Wunn erinnerte in ihrem Auftaktvortrag vor den dichtbesetzten Zuschauerreihen im Schloss Herrenhausen daran, dass religiös begründete Gewalt nicht erst mit dem Islam begonnen hat, dass die Opfer dieser Gewalt bis heute vor allem die Muslime selbst sind und dass die Internationalisierung islamistischen Terrors auch Ursachen in der verfehlter Politik europäischer Mächte sowie von Russland und den USA gegenüber dem Nahen Osten und der islamischen Welt hat. 

Dem Appell gegen Pauschalurteile lieferte vor allem Zick, der Leiter des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, die nötigen Argumente: 1600 Personen gelten nach seinen Worten als gewaltbereite Islamisten, 720 davon sind als aktive Gefährder eingestuft. Das sind nicht einmal ein halbes Prozent der in Deutschland lebenden mehr als vier Millionen Muslime. Kein Wunder dass sich die meisten von ihnen fälschlich in einen Topf mit potenziellen Gewalttätern geworfen sehen, sich als Opfer von Vorurteilen fühlen. „Dieses Gefühl, ein Opfer zu sein macht Muslime anfällig für die Rekrutierung von Werbern für den Dschihad“, sagte Zick in seinem Vortrag, „Der Dschihadismus ist allerdings in Deutschland längst hochorganisiert, ein Geschäftsmodell mit Erlebniswelten für junge Menschen.“ 

So professionell diese Erlebniswelten seien, so dürftig sei zugleich die Indienstnahme des Islam dafür. „Das läuft nicht in Moscheen ab, das findet in Klubs oder auf Schulhöfen statt, eine Selbstradikalisierung sozusagen aus dem Stand.“ Dabei würden ohne Fachwissen, ohne Imame, ohne Religionskenntnis schlicht Bausteine nach Belieben zusammengebastelt. „Wir nennen diese Selbstermächtigung und Selbstradikalisierung deshalb Lego-Islam.“ Mit diesem „Lego-Islam“ hantieren auch dessen Gegner, deren Einwände deshalb ebenfalls schlicht an der Religion vorbeigehen. Brandgefährliche Bausätze also, nicht zuletzt weil sie die Basis dieses Aneinandervorbeiredens sind.

„Es darf nicht darum gehen, islamistische Täter zu entschuldigen“, sagte der ZDF-Terrorexperte Elmar Thevesen in der anschließenden Podiumsdiskussion. Doch sei ihrer Rekrutierung mit Militär, Polizei und Geheimdiensten allein nicht beizukommen. „Wir dürfen uns nicht einreden lassen, dass wir uns in einem ,Kampf der Kulturen‘ befinden – denn das negative Islambild ist Wasser auf die Mühlen von Islamisten.“ Wird dieses Bild durch Medien vermittelt, ist Medienkritik daher doch unvermeidlich? IJK-Professor Christoph Klimmt schlägt in der Diskussion einen anderen Blickwinkel vor: Auch ein differenziertes Medienbild stoße an Wahrnehmungsgrenzen – weil es die Ressourcen des Publikum sprenge: „Die meisten Medienrezipienten sind schon mit Oberflächeninformationen ausgelastet – und wenn gruppenbezogene Ängste damit einhergehen, aktiviert das kurzschlüssige Vorurteilsmuster, gegen die Medien wenig ausrichten können.“ Und Klimmt stimmte mit Zick und Thevesen überein, dass für die nötige Differenzierung weitere Faktoren hinzukommen müssen. „Das ist auch eine Aufgabe für die Bildungsinstanzen“, sagte Thevesen. „Allerdings kommt das Thema Terrorismus in den schulischen Curricula nicht vor – und gerade in Familien, deren Kinder für Islamismus anfällig sein können, wird eher darüber geschwiegen.“ In solchen Fällen sei eine aktive, aufsuchende, auch außerschulische Zuwendung nötig. 

Nicht zuletzt, rät Thevesen, müsse man sich fragen, worum es eigentlich geht, wenn vom Islam nur ein Zerrbild wahrgenommen werde. Verräterisch ist hier die von Zick gezeigte Deutschlandkarte mit dem regionalen Ausmaß der Islamfeindlichkeit. Die ist am höchsten im Nordosten, wo es besonders wenig Muslime, aber besonders große Probleme wie Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Überalterung gibt. „Wir brauchen eine Politik für alle, die sich abgehängt fühlen“, sagt Thevesen am Ende unter aufbrandendem Applaus. Damit jene Schwachen, die sich als Opfer empfinden, sich nicht daran aufrichten, andere, Schwächere zu Opfern zu machen. 

Von Daniel Alexander Schacht

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