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Kultur Experten tagen über Raub- und Beutekunst
Nachrichten Kultur Experten tagen über Raub- und Beutekunst
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09:54 11.11.2010
Von Johanna Di Blasi
Die Kunstexperten Ulrich Krempel (v.l.), Annette Schwandner und Ulf Bischof diskutieren auf dem Podium über Beutekunst. Quelle: Nico Herzog

Die ganze Wucht auch der mensch­lichen Verstrickungen“ sei durch die jüngsten Berliner Funde noch einmal deutlich geworden, sagte Hermann Parzinger. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hielt das Auftaktreferat der zweitägigen Konferenz „Erblickt, verpackt und mitgenommen – Herkunft der Dinge im Museum“.

Mehr als 100 Experten aus deutschen Museen und Forschungsstätten versammelten sich im Sprengel Museum Hannover. Veranstaltet wurde die Tagung zum brisanten Thema der Raub- und Beutekunst gemeinsam von Volkswagenstiftung und Sprengel Museum.

Neue Funde in Berlin

Parzinger spielte an auf jene elf avantgardistischen Plastiken, die jüngst überraschend beim Berliner U-Bahn-Bau neben dem Roten Rathaus entdeckt worden waren. Es handelt sich um Werke von Künstlern wie Otto Baum, Edwin Schaff und Marg Moll. Sie waren 1937 im Zuge der nationalsozialistischen Kunstrazzien in deutschen Museen (soweit bekannt, stammt keines der Fundstücke aus Hannover) beschlagnahmt worden. Die Werke waren in der Fehme-Schau „Entartete Kunst“ zu sehen.

„Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben sie sich im Büro von Erhard Oewerdieck befunden“, so Parzinger. Was haben museale Stücke im Büro eines Treuhänders und Steuerberaters zu suchen? Und wie kommt es, dass Personen jüdische Mitbürger bei sich versteckten und ihnen unter Einsatz der eigenen Sicherheit zur Flucht verhalfen (Oewerdieck und seine Frau werden dafür in Yad Vashem geehrt) und gleichzeitig NS-Raubgut verstauten? Bei den Grabungen sind die Archäologen im Bombenschutt auch auf Oewerdiecks Tresor mit Korrespondenz gestoßen. Vielleicht ergeben sich weitere Aufschlüsse.

Provenienzforschung – die Rekonstruktion von Werkbiografien, insbesondere der Kette der Vorbesitzer – ist Detektivarbeit. Oft handelt es sich um die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die auf Stilanalyse, Ikonografie und Hermeneutik geeichte Kunsthistorikerzunft musste sich in den zurückliegenden zehn Jahren – seit der Washingtoner Selbstverpflichtung zur Recherche und Restitution von 1998 – mit diesem mühseligen Geschäft erst anfreunden. Ein paar Dutzend Kunsthistoriker sind heute in Deutschland auf diesem Gebiet aktiv.

Doch noch immer scheint es, als würden manche Museumsleute die überfällige Überprüfung der eigenen Bestände weniger als Hausaufgabe denn als Strafarbeit begreifen. Das war bei allem demonstrativen guten Willen auch bei der hannoverschen Tagung zu spüren. Inzwischen fördert die Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin die Bemühungen der Museen mit jährlich einer Million Euro. Auch hannoversche Museen profitieren davon.

Landesmuseum meldet elf Problembilder

Die seit Kurzem vollzeitbeschäftigte Provenienzforscherin des Landesmuseums Hannover, Claudia Andratschke, meldete bei der Tagung erstmals Ergebnisse. Elf Werke aus unklärbarer oder verdächtiger Quelle hat sie in die Internetdatenbank der Koordinierungsstelle in Magdeburg (www.lostart.de) eingestellt, darunter das Johann Heinrich Tischbein zugeschriebene „Bildnis einer älteren Frau“ (1790/95). Es wurde 1942 in Frankfurt wahrscheinlich unter Zwang versteigert. Auf der Rückseite klebt noch die vergilbte Losnummer 154. Das „Herrenbildnis“ (1841) von Peter Heinrich Andreas Schultze wurde 1938 auf Vermittlung des hannoverschen Kunsthändlers Emil Backhaus erworben, dessen Lauterkeit in Zweifel steht. Rund 20 Werke der Landesgalerie seien problematisch, sagte Andratschke.

Die Erben des im Konzentrationslager ermordeten hannoverschen Kunstsammlers Max Rüdenberg waren es dagegen, die mehr als 400 vermisste Werke in Magdeburg einstellten, darunter Karl Schmidt-Rottluffs „Marschlandschaft mit rotem Windrad“ (1922). Das Bild ging 1939 über die Kunsthandlung Pfeiffer an den Sammler Bernhard Sprengel.

Annette Baumann, die Provenienzforscherin der Stadt Hannover, verwendete ihre Redezeit für die umfassende Darstellung, dass es in der problematischen Doebbeke-Sammlung – die Stadt Hannover besitzt mehr als 100 Meisterwerke der klassischen Moderne aus dieser höchst dubiosen Quelle – auch legal erworbene Stücke gibt, etwa ein Dorfbild mit Kindern und Gänsen von Edvard Munch. Um dieses muss das Sprengel Museum jetzt nicht mehr zittern.

Erschwerte Forschung in der ehemaligen DDR

In Hannover gibt es eine Menge aufzuarbeiten. Allerdings ist das nichts gegen die Komplexität der Fälle in den sogenannten neuen Bundesländern. Gilbert Lupfer von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden berichtete, dass dort inzwischen 15 Forscher mit den Herkunftsrecherchen der Museumsobjekte beschäftigt sind. Nicht selten haben sie es mit Mehrfachenteignungen zu tun.

Zur Problematik der NS-Kulturbarbarei kommt im Osten hinzu, dass sich das DDR-Regime der Kunstschätze bemächtigte. Privatsammlern wurden Steuerschulden angedichtet, die Werke in Museen verfrachtet und zum Teil bis heute nicht herausgegeben. Bei „Schlossbergungen“ wurden ganze Schlösser ausgeräumt. Und manches nach dem Krieg von den Russen zurückgegebene Werk wurde schlicht falsch an Museen zugeordnet.

Lupfer meinte, es werde nie alles restlos aufgeklärt werden: „Eine Menge Geld ist in den letzten Jahren in den Sand gesetzt worden.“ Schuld sei die mangelnde Kontinuität der Förderung. Befristete Werkverträge liefen aus, Forscher wanderten ab, mitunter zur Gegenseite. „Und dann haben die Museen erst recht den Schaden“, so Isabel Pfeiffer-Poensgen von der Kulturstiftung der Länder.

Keine rechtlichen Verbindlichkeiten

Aber geht es letztlich nicht um die Wahrheit? Zu Konferenzen wie dieser werden schwerpunktmäßig Vertreter der Museumsseite und Politiker eingeladen, die aus ihren Fördertöpfen die Forschungsarbeit unterstützen sollen. Als einzige Vertreter geschädigter Erbengemeinschaften erschien Ulf Bischof. Der Berliner Rechtsanwalt ist spezialisiert auf gewaltsame Kunstenteignung durch das DDR-Regime. Die Museumsvertreter beklagten mit Blick auf ihn: „Die Anwälte verhärten die Lage.“ Bischof entgegnete: „Ohne Druck geschieht leider gar nichts.“

Tatsächlich existiert bis heute keine juristische Verbindlichkeit auf dem brisanten Feld der Rückgabe von Raub- und Beutekunstwerken. Auch aus dem Einstellen von Werken in die Magdeburger Online-Datenbank lassen sich rechtlich keinerlei Verpflichtungen oder Ansprüche ableiten. Wenn ein Museum restituiert, so geschieht das in Deutschland einzig aus moralischer Selbstverpflichtung heraus. Geht es nach der Museumszunft, soll das so bleiben.

Archivmaterial zu den hannoverschen Fällen wird sukzessive im Online-Findbuch des Niedersächsischen Landesarchivs und auf der Seite des Landesmuseums Hannover veröffentlicht.

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