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Kultur Felix Landerer aus Hannover großer Sieger beim Choreographenwettbewerb
Nachrichten Kultur Felix Landerer aus Hannover großer Sieger beim Choreographenwettbewerb
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20:24 05.04.2010
Großer Sieger des „Choreographenwettbewerbs“: Felix Landerer und Maura Morales mit „Suits“. Quelle: Spiering

Ein Männerduo, das blasphemisch mit kirchlichen Symbolen spielt, ein künstlerischer Leiter, der zwei Hip-Hop-Formationen auftreten lässt, ein Vietnamese, der auf reine Klassik setzt, Kubaner, die sich trotz massiver bürokratischer Widrigkeiten ein Visum erkämpfen, ein Südkoreaner der ein so legendäres Stück wie den Bolero neu interpretiert, ein Israeli, der seinen Beitrag mit einer Sackkarre eröffnet und absichtlich erbärmlich singt – der 24. „Internationale Wettbewerb für Choreographen“ am Osterwochenende in der hannoverschen Staatsoper war vor allem vom Mut seiner Kandidaten geprägt. Selten haben sich in der Vergangenheit so viele Teilnehmer so viel getraut.

Das gilt auch für Felix Landerer, den großen Sieger dieses Wettbewerbs. Der 34-Jährige, der fünf Jahre lang im Ensemble der Staatsoper Hannover unter der Ägide von Stephan Thoss arbeitete, hat sich für seine Kreation die Zweierbeziehung vorgenommen. Das war ein Wagnis, weil es ausnehmend schwer ist, diesem millionenfach interpretierten Thema neue Facetten abzugewinnen und nicht in Klischees abzudriften. Landerer ist dies bravourös gelungen. Mit „Suits“ gewann der hannoversche Choreograf den mit 6000 Euro dotierten ersten Preis der Ballettdirektorenjury, zu der unter anderem Hannovers Ballettchef Jörg Mannes und die Leiterin von Tanztheater International, Christiane Winter, zählten. Ebenso sicherte sich Landerer den Produktionspreis des Scapino Ballets Rotterdam.

Wie zwei Schaufensterpuppen, die zum Leben erwachen, agieren Landerer und seine Partnerin Maura Morales. Ohne sich zu berühren, bewegen sie sich sie umeinander herum. Das Skulpturale in den Bewegungen löst sich schließlich auf. Die Beziehung wird enger, körperlicher, aggressiver. Beide schlüpfen in Jacketts, die aber irgendwie zu klein wirken. Wer passt zu wem, wem passt was nicht? Zu rhythmischem Elektrosound von Murcof liefern sich die Tänzer einen dynamischen Zweikampf, bei dem die zierliche Morales immer wieder die Oberhand über Landerer gewinnt. Das Stück besticht nicht nur durch seine Vielschichtigkeit, sondern auch dadurch, das hier zwei exzellente Tänzer sowohl optisch als auch physisch so gut miteinander harmonieren. Doch das Stück muss eben auch übertragbar auf andere Tänzer sein.

Der „Scapino“-Produktionspreis ermöglicht es jungen Choreografen, mit dem hauseigenen Ensemble ein Gastspiel einzustudieren. Direktor des Scapino Ballets ist Ed Wubbe, der auch künstlerischer Leiter des von der hannoverschen Ballettgesellschaft organisierten und zum Großteil von der Stiftung Niedersachsen finanzierten „Choreographenwettbewerbs“ ist. Auf die Frage, warum Landerer beide Auszeichnungen erhalten hat, antwortet Wubbe: „Weil er ein richtiger Choreograf ist.“ Wubbe meint damit ein Ausnahmetalent. Jemand, der seine Ideen gut vermitteln kann und der zudem ein ausgereiftes Bewegungsvokabular hat.

Das sei keinesfalls eine Selbstverständlichkeit, sagt Wubbe. Nicht jeder, der im Wettbewerb einen originellen Auftritt zeige, sei auch in der Lage, gut mit Tänzern zusammenzuarbeiten und seinen Stil weiterzuentwickeln. Umso überraschender ist die Entscheidung der Expertenjury, den zweiten Preis an Rosana Hribar und Gregor Luštek zu vergeben.

Die Slowenen, die auch selbst getanzt haben, sind 2008 schon einmal mit dem zweiten Preis bedacht worden. Damals begeisterten sie mit einer grotesken Paar-Nummer, die statt mit Musik mit Stöhnlauten untermalt war. Das Stück „Duet 012 (Diversity of Opinions is Magnificent)“, mit dem das Choreografenduo jetzt antrat, nahm sich wie ein Déjà-vu aus: Wieder wurde clowneske Akrobatik, gespickt mit lautmalerischen Kopulationsparodien, geboten. Angesichts der früheren Darbietung war das wenig einfallsreich.

Dagegen kann man dem dritten Preisträger, Yaniv Cohen aus Israel, mangelnde Originalität nicht vorwerfen. Allerdings kommt „I wish, I was Johnny Cash“ etwas sperrig rüber, was schon die Sackkarre andeutet, die eingangs auf die Bühne geschoben wird. Cohen plärrt dann einen Folksong („Mole in the Ground“ von Margaret Nelson), während Shlomi Ruimi all die Moles (Maulwürfe) und Birds (Vögel) und noch ein paar weitere Tiere, die darin vorkommen, tänzerisch darzustellen versucht. So weit, so unlustig.

Die Kubaner haben nicht versucht, witzig zu sein und trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen die Zuschauer beim nahezu ausverkauften Finale am Ostersonntag für sich eingenommen. In „La Ecuación“ (die Gleichung) spielt George Céspedes mit seinen vier Tänzern exzellent mit geometrischen Formen. Innerhalb eines begehbaren Würfels findet das Quartett zusammen, bricht wieder auseinander, um sich dann in atemberaubendem Tempo in immer wieder anderen Konstellationen neu zu formieren. Dafür gab es den Publikumspreis.

Während die Kubaner zum ersten Mal am Wettbewerb teilgenommen haben, trat Stéphen Delattre bereits zum vierten Mal an. Bislang war er leer ausgegangen, nun bekam der in Mainz als Tänzer engagierte gebürtige Franzose den Kritikerpreis. Sein Stück „From Bad to Worst“, in dem er selbst zusammen mit Sébastien Mari tanzt, ist ein kokettes Spiel mit christlichen Symbolen und Moralvorstellungen: In Goldlaméhosen und zu Schuberts „Ave Maria“ in Knabensopranversion machen die beiden aus dem Engel der Verkündigung einen Engel der Verführung und enden schließlich als bucklige Bad Boys.

Stilistische Vielseitigkeit hat diesen Wettbewerb ausgemacht. Das lag nicht zuletzt an den von Ed Wubbe nominierten Hip-Hop-Gruppen aus Spanien und Slowenien. Beide lieferten jedoch enttäuschende Beiträge: konventionelle Clipästhetik, die sehr brav daher kam. Dennoch tut es dem Wettbewerb gut, wenn auch künftig möglichst viele Stilrichtungen vertreten sind und er offen für Neues ist. Gerade im Jubiläumsjahr 2011 sollte die Ballettgesellschaft das beherzigen – damit auch die nächsten 25 Jahre gesichert sind.

Und Landerers Zukunft? Mit seiner Anzug-Nummer hat er sich weit nach oben katapultiert. Es wird Gastspiele geben, und er darf in den Niederlanden inszenieren. Erst kürzlich hat der 34-Jährige in einem Interview mit dieser Zeitung betont, er werde Hannover so schnell nicht verlassen, vielmehr wolle er hier den Tanz noch stärker etablieren. Es wäre mutig zu bleiben.

Kerstin Hergt

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