Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Publikum erklärt Piloten diesmal für schuldig

Ferdinand von Schirach: Terror Publikum erklärt Piloten diesmal für schuldig

Schuldig. So lautet das Urteil des Publikums nach der Premiere von Ferdinand von Schirachs erfolgreichem Stück „Terror“ in der Inszenierung des Mittwoch Theaters. Die Darstellung wirft große Fragen auf: Darf ein Menschenleben gegen eine anderes aufgewogen werden? 

Voriger Artikel
Friedrich-Hölderlin-Preis für Eva Menasse
Nächster Artikel
Viele kleine Pannen: Judith Holofernes im Pavillon

Hannover. Lars Koch, als Major der Luftwaffe angeklagt, gegen den Befehl seiner Vorgesetzten ein vollbesetztes, entführtes Flugzeug abgeschossen zu haben um 70 000 Menschen in einem Fußballstadion zu retten, wird wegen 164-fachen Mordes verurteilt.

Seit knapp zwei Jahren hat sich Ferdinand von Schirachs Stück „Terror“ zu einem der am häufigsten auf deutschen Bühnen gespielten Stücke entwickelt. Spannend an dem Stück - das nur die Gerichtsverhandlung zu Lars Kochs Abschuss zeigt - ist dabei vor allem, dass es sehr schnell zu großen Fragen führt. Darf ein Menschenleben gegen eine anderes aufgewogen werden? Wie antastbar ist die Menschenwürde? Wie viel darf angesichts terroristischer Bedrohungen aufgegeben werden? Diese Fragen, ausführlich erörtert von Lars Kochs Verteidiger und der Staatsanwältin, bieten viel Reibungsfläche für das Publikum, das am Ende über Koch das Urteil fällen darf. Der Verlag des Stückes protokolliert die Urteile online, bis jetzt ist Lars Koch in 60 Prozent aller Fälle freigesprochen worden.

Wie antastbar ist die Menschenwürde?

Die Inszenierung des Mittwoch-Theaters von Till Büthe reduziert das Stück aus das wesentliche: Ein paar Tische stehen da, in beamtengrau gehalten, Wassergläser darauf, ein nackter Bühnenboden. Die sparsame Inszenierung gibt dem - leicht gekürzten - Text und der Erörterung der Rechtsfragen viel Raum. Soviel sogar, dass die Schauspieler ein wenig dahinter verblassen, ausgenommen Gerd Zietlow als grantiger und gleichzeitig stoischer Vorsitzender.

Und auch, wenn „Terror“ nicht unbedingt etwas zu tatsächlichen Abläufen im Gerichtssaal zu sagen hat, zeigt die minimalistische Inszenierung des Mittwoch Theaters, wie clever der Text gemacht ist. Auf die großen Fragen, die er stellt, gibt es keine eindeutigen Antworten. Die Abstimmung am Ende zwingt das Publikum allerdings, sich zu positionieren. Heute ist Lars Koch eben schuldig. Und morgen vielleicht nicht mehr. Ihren langen Schlussapplaus haben die Darsteller des Mittwoch Theaters so oder so verdient.

Weitere Aufführungen: 25. April sowie am 3. und 10. Mai.

Von Jan Fischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur