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18:00 13.09.2015
Von Stefan Arndt
Angriffslustig und versöhnlich: Simone Kermes in der Staatsoper.   Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Opernsänger fürchten heute offenbar nichts mehr, als auszusehen wie Opernsänger. Sie meiden mit aller Kraft die große Geste, die diesen Berufsstand früher zu eigen war. Beim Konzert zugunsten der Stiftung Staatsoper Hannover, mit das Haus jetzt in die neue Saison gestartet ist, suchte man weit vor der Brust ausgebreitete Arme jedenfalls vergebens. So dramatisch die Szenen und so hoch die Spitzentöne auch sein mochten: Alle Sänger ließen die Arme scheinbar entspannt leicht angewinkelt am Körper herabhängen.

Nur eine Sängerin wollte sich nicht an dieses ungeschriebene Bühnengesetz halten: Der Sopranistin Simone Kermes, die als Gaststar einzig nicht zum hannoverschen Ensemble gehört, scheint die Musik sofort auch in Arme und Beine zu fahren, sobald sie den Mund öffnet. Gestenreich feuert sie Musiker, Publikum und sich selbst zu Höchstleistung an. Dabei wirkt es selbst dann nicht aufgesetzt oder lächerlich, wenn Kermes zur Verdi-Stretta die Luftgitarre zückt: Die große Show scheint ihr natürliche Lebensäußerung zu sein. Binnen Sekunden kann sie dann wieder ernst werden, wenn die Musik oder andere Umstände es erfordern: Einmal ergreift sie kurz das Wort, um die deutschen Bemühungen um die Aufnahme von Flüchtlingen zu loben. Und weil sie mit ihrem sehr hellen aber vollen Sopran auch fabelhaft koloraturensicher singt, braucht sie nur Sekunden, um das Publikum zu ungewohnter Begeisterung hinzureißen.

Mit ihrem Starkstrom-Temperament dürfte die Sängern, die sich im Vorfeld des Konzertes allgemein kritisch über Dirigentinnen geäußert hatte, sogar Generalmusikdirektorin Karen Kamensek überrascht haben: Am Ende bekam die verblüffte Orchesterchefin von der reumütigen Kermes sogar einen Kuss mitten auf die Lippen.

In gewisser Weise traf die Sängerin damit aber auch die herzliche Stimmung in der ausverkauften Staatsoper: Dieser Kuss der ganzen Stadt. Die Vorfreude auf die neue Saison war jedenfalls allerorten zu spüren. Geschürt wurde sie von Kostproben der Opern, die in den kommenden Monaten Premiere haben werden. Moderator Klaus Angermann führte eloquent und unterhaltsam durch das Repertoire, und die Mitglieder des Hausensemble erinnerten daran, dass nicht nur Stars wie Kermes großartig singen können: Athanasia Zöhrer etwa ließ durchblicken, wie leichtfüßig sie als Ännchen die Traditionen im „Freischütz“ durcheinanderwirbeln wird - auch wenn ihr Tobias Schabel als Kasper ein hochkarätiger Gegenspieler sein wird. Und Ania Vegry deutete in den Auszügen aus „Candide“ schon einmal an, dass sie als temperamentvolle Kunigunde durchaus in die Fußstapfen von Simone Kermes treten kann, die beim Festkonzert noch selbst mit der spektakulären Arie „Glitter and be Gay“ aus Bernsteins Comic-Opera auftrumpfte.

Bei solchem Sängerspektakel ging fast ein wenig unter, dass das Staatsorchester einen anderen Bühnenaufbau für seine Auftritte bekommen hat. Das neue Konzertzimmer, für das die Oper in den vergangenen Monaten Spenden gesammelt hat und das künftig den Rahmen für die Sinfoniekonzerte geben wird, hat allerdings nicht mehr viel mit einem Raum zu tun. Statt einer Decke und Seitenwänden gibt es viele bis in den Zuschauerraum gezogene hölzerne Schallsegel über dem Podium, das von auffällig furnierten Stellwänden eher locker eingerahmt wird.

Diese neue Offenheit spiegelt sich in einem direkten, aber erstaunlich transparenten Klangbild wider, das auch bei größerer Lautstärke erheblich mehr Details offenbart als früher. Vor allem die Holzbläser sind jetzt deutlich klarer zu hören: Ein großer Gewinn!

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