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Kultur „Der Hauptmann“: Kleider machen Mörder
Nachrichten Kultur „Der Hauptmann“: Kleider machen Mörder
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14:50 14.03.2018
Maskerade: Der angebliche Hauptmann (Max Hubacher, rechts) mit seinem getreuen Freytag (Milan Peschel). Quelle: Weltkino
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Hannover

Es war einmal ein armer Schuhmacher namens Wilhelm Voigt, der streifte sich eine Hauptmann-Uniform über, scharte ein Häuflein Soldaten um sich, besetzte das Rathaus von Köpenick bei Berlin und stibitzte die Stadtkasse. Potztausend! Das ganze deutsche Reich lachte 1906 über dieses wahr gewordene Märchen. Sogar der Kaiser war begeistert von dem „genialen Kerl“, wie er notiert haben soll.

Nur wenigen Zeitgenossen wurde damals mulmig zumute. Sie erkannten, dass die Köpenickiade nur durch deutschen Kadavergehorsam möglich war (und dieser Begriff war damals schon geläufig. Durch Carl Zuckmayers Theaterstück, erschienen 1931, und bald auch in vielen lustigen Filmen wurde der Schuhmacher Voigt berühmt. Heinz Rühmann setzte 1956 unter Helmut Käutners Regie sein lausbübischstes Lächeln in dieser Rolle auf.

Ein Deserteur findet eine Hauptmannsuniform

Den lustigen Hauptmann von Köpenick sollte man schleunigst vergessen, wenn man sich Robert Schwentkes Film anschaut. Obwohl der Tatbestand ähnlich ist: Hier zieht ein Gefreiter, der im zivilen Leben ein Schornsteinfegerlehrling war, eine Hauptmann-Uniform an.

Der Zweite Weltkrieg liegt in den letzten Zügen, Auflösungserscheinungen überall. Eben noch ist der Gefreite Will Herold (Max Hubacher) – verdächtigt als Deserteur – von einer deutschen Patrouille wie ein Kaninchen durch den winterkalten Wald gejagt worden und hat sich keuchend in ein Versteck unter einer Baumwurzel geworfen. Kurz darauf findet der knapp Entkommene die Uniform, gespickt mit glitzernden Orden, auf der Rückbank eines verlassenen Militärfahrzeugs.

Am Anfang hat der Protagonist das Mitgefühl des Publikums

Der frierende junge Mann hat unsere ganze Sympathie, wenn er sich in den wärmenden Stoff hüllt – sogar dann noch, als er sich allein auf weiter Flur probeweise im harschen Befehlston übt. Dann kommt der versprengte Soldat Freytag (Milan Peschel) des Weges und unterstellt sich ohne jede weitere Nachfrage dem vermeintlich Ranghöheren.

Seltsam kühl lässt sich dieser das gefallen, nimmt wie selbstverständlich Platz im Wagen und lässt sich fortan von Freytag durch ein vom Krieg versehrtes und verrohtes Land kutschieren. Im Kinodrama „Der Hauptmann“ beginnt die Perversion einer Köpenickiade: Das bisherige Opfer Herold wird bald schon zum Massenmörder.

Auch diese Geschichte hat sich so oder so ähnlich abgespielt. Willi Herold wurde berühmt-berüchtigt als der „Henker vom Emsland“, der mit Gefolge inklusive Flakgeschütz durchs Land zog und sein eigenes mobiles „Standgericht“ schuf. Seine Befehle zum harten Durchgreifen habe er, so verkündet er hier mit bedeutsamen Blick, von „ganz oben“ bekommen. Das reicht zumeist, um beim seinem Gegenüber den Verstand abzuschalten.

Schwentke ist zurück aus Hollywood

Der deutsche Regisseur Robert Schwentke ist zurück aus Hollywood („Flightplan“, „Die Frau des Zeitreisenden“) und hat ein drastisches Drama über diesen Vorfall inszeniert, das mit irritierenden Verfremdungseffekten gespickt ist. Sein Film ist in kontrastreiches Schwarz-Weiß getaucht und wird dadurch noch bedrängender (Kamera: Florian Ballhaus, der Sohn von Michael Ballhaus).

Gelegentlich klingen satirische Momente frei nach Tarantino an, wenn zwei Gefangene (Samuel Finzi und Wolfram Koch) beim Sketchabend um ihr Leben spielen oder über den korrekten bürokratischen Ablauf des Mordens gestritten wird.

Beinahe alle sehnen sich nach einem zupackendem Anführer – während der oberste „Führer“ in Berlin in seinem Bunker hockt und seinen Selbstmord plant. Immer mehr wächst der Trupp an (darunter Frederick Lau als besonders aggressiver Mordgeselle).

Notgedrungener Mörder findet Gefallen am Töten

Erst wird Herold notgedrungen zum Mörder, um seine Tarnung aufrechtzuerhalten und erschießt einen Deserteur. Dann testet er genüsslich aus, wie weit er gehen kann in seiner Maskerade. Nur ganz wenige melden Zweifel an (zum Beispiel Alexander Fehling als gleichrangiger Offizier). Im Emslandlager im Nordwesten Niedersachsens schließlich berauscht sich Herold an seiner Macht und lässt Kriegsgefangene in großem Stil erschießen.

Im Widerspruch zu diesem Sadismus steht das rätselhafte Jungengesicht des Hauptdarstellers. Max Hubacher („Der Verdingbub“) wirkt nicht einmal dann wie eine Karikatur, wenn er sich unter seiner ordensgeschmückten Jacke in Unterhose zeigt. Kurz vor der deutschen Kapitulation wird Herold in einem bizarren Gerichtsprozess von einem deutschen Militärgericht freigesprochen. Tatsächlich ließen ihn die Deutschen damals ungeschoren davonkommen, die Briten richteten den Kriegsverbrecher 1946 hin.

Am Ende bricht Schwentke aus der Historie aus

Schwentke überzieht gelegentlich seine dramaturgischen Mittel, besonders im Abspann, wenn er plötzlich aus der Historie ausbricht und überraschend in unserer Gegenwart auftaucht, in der Herold mit seinem Standgericht durch eine Innenstadt düst. Was will uns der Regisseur mit dieser aufgesetzt wirkenden Aktualisierung sagen? Und doch bleibt dieser Film für den Zuschauer bis zum Ende so ungemütlich wie überraschend, was im so oft konsenssüchtigen deutschen Kino ein echtes Qualitätsmerkmal ist.

Von Stefan Stosch / RND

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