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Kultur Mit Jim Knopf bis ans Ende der Welt
Nachrichten Kultur Mit Jim Knopf bis ans Ende der Welt
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10:30 28.03.2018
Auf der Abenteuerschiene: Lokomotivführer Lukas (Henning Baum) mit Jim Knopf (Solomon Gordon) auf der Lok Emma, die zur Not auch ohne Gleise auskommt . Quelle: Foto: Warner
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Hannover

Als wir nun schon Älteren noch klein waren, öffnete sich im Fernseher eine braune Holzkiste und eine Kapelle swingte sich quietschvergnügt durch den Jazzschlager über „eine Insel mit zwei Bergen“. Und schon wurden wir dieser Berge ansichtig, waren da bunte Häuschen, ein Schloss und ein Bahnhof, und das Zellophanmeer der Augsburger Puppenkiste schwappte an den ockerbraunen Strand.

Vier Sonntage hing die Welt für uns an Marionettenfäden, alles Künstliche hier war teuflisch echt, alles Unplausible völlig logisch. Es ging mit Jim Knopf, Lokführer Lukas und der Lokomotive Emma nach China, durch Gebirge, Wald und Wüstenei zu seltsamen Drachen und widersinnigen Wesen wie Scheinriesen. Michael Ende, der spätere Autor von „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“, hatte einfach drauflosgeschrieben. Erster Satz, mal sehen was rauskommt. Wunderbares kam raus. Jetzt wurde der Stoff erstmals fürs Kino verfilmt.

Jim stellt die große Frage: „Wer bin ich?“

Das Boot respektive die Insel Lummerland, ist voll. König Alfons der Viertelvorzwölfte (Uwe Ochsenknecht) hat seit der Ankunft des schwarzen Findelkinds Jim (Solomon Gordon) fünf Untertanen. Zu viele für das winzige Eiland, deshalb soll die (lebende) Lok Emma auf dem Schrottplatz landen. Heimlich verlässt das düpierte Trio von den lummerländischen Öffis deshalb die Insel.

Emma braucht keine Geleise, ist auch im Handumdrehen zum Boot umfunktioniert. Das Trio strandet in China, und macht sich von dort auf die Suche nach der von Piraten entführten Kaisertochter. Im Kummerland, hinter dem Ende der Welt, wird Li-Si von einem bösen Drachen namens Frau Mahlzahn gequält, an die auch das Paket mit Baby Jim adressiert war. Bei den Drachen erhofft sich Jim Antwort auf die existenzielle Frage: Wer bin ich?

Das Fantasiereich der Mitte ist ganz klar überzeichnet

Das hat Dennis Gansel jetzt verfilmt - Kinderkino vom Regisseur von „Das Phantom“ und „Die Welle“. Und wenn der güldene Hammerschlag-Schriftzug frappierend an den der Harry-Potter-Streifen erinnert, befürchtet man schon Babelsberger Größenwahn, noch so ein hurtiges Franchise, einen hingeworfenen Streifen mit Zellophanseele.

Stattdessen ist „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ Bild für Bild ein üppiges, ja verschwenderisches Werk der Liebe. Die Figuren und Kulissen erinnern durchaus an die putzige Puppenstube von einst, alle Tricktechnik lässt staunen, und nur einmal müssen die kleinsten Zuschauer die Luft anhalten – der Wächter des Drachenvulkans gemahnt doch ein wenig an Smaug, den brandgefährlichen Lindwurm der „Hobbit“-Filme.

China heißt im Film wieder Mandala (wie schon in einigen Buchauflagen). Angefangen von Personennamen wie Ping-Pong und Pi-Pa-Po bis hin zu den Leckereien der mandalischen Küche (lebendes Gewürm) ist das Fantasiereich der Mitte ein Ort der Klischees und Überzeichnung, und Gansel wird Kritik dafür einstecken müssen, wiewohl klar ist, dass es ihm nie darum geht, irgendwie westliche Kulturüberlegenheit auszustellen.

Die Boxerfaust fährt ins Kung-Fu-Ballett

Dass sich die Martial Arts ein einziges Mal nicht gegen die gute alte Boxerfaust durchsetzen können, ist indes wohltuend. Die kaiserliche Wache wird von Lukas (Henning Baum) mitten im schönsten Kung-Fu-Ballett niedergestreckt. Und an der Rüstung des letzten Gegners entzündet Lukas dann ein Streichholz für seine Pfeife. Bud Spencer lässt grüßen. Was Endes unbändiger Geschichte im Original fehlte, war der Humor. Gansel nun lässt die Geschichte witzig swingen. Von einer Verbreitung des Films im Filmboomland China ist dennoch eher abzuraten.

Mit dem Thema einer Schein-Übervölkerung eines Staates und der Neigung des dortigen Chefpopulisten, damit in Immigrationsfragen zu punkten, könnte „Jim Knopf“ einige Aktualität für sich reklamieren. Wobei am Ende bei Ende und Gansel alles gut wird: Vernunft regiert, wahre Nächstenliebe führt zu ultimativer Integration. Und der knuffige Jim fragt nicht mehr „Wo komme ich her?“ sondern „Wo gehöre ich hin?“ Die Antwort ist so gewiss wie eine Fortsetzung des Films. Viva Lummerland!

Von Matthias Halbig / RND

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