Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Wetten, dass die Bank verliert?

"The Big Short" Wetten, dass die Bank verliert?

Was Sie schon immer über den Börsencrash wissen wollten: Hollywood erklärt’s in der brillanten Komödie „The Big Short“.

Voriger Artikel
Traditionshaus geht neue Wege
Nächster Artikel
"Mein Kampf" bekommt weitere Auflage

Alligatoren im Pool, gierige Broker im Anmarsch: Jared Vennett (Ryan Gosling, l.) und Charlie Geller (John Magaro) recherchieren zwischen Bauruinen.

Quelle: Paramount

Ein Doktor der Medizin sitzt in kurzen Hosen und barfuß im Büro und tut das, was kein anderer tut: Der Sonderling mit dem Glasauge rechnet nach. Michael Burry hat es an die Börse verschlagen, er ist jetzt Hedgefonds-Manager, und nun will er wissen: Was steckt eigentlich drin in den Geldanlagen, auf denen CDO drauf steht? Zwischendurch spielt Burry Schlagzeug.

Wir schreiben das Jahr 2005. Damals galten „Collateralized Debt Obligations“ als sprudelnde Geldquelle, heute sind sie besser bekannt als Reinwaschmittel für Ramsch-Hypotheken. Alles, was die Banken an faulen Papieren nicht verhökern konnten, packten sie in dicke Päckchen mit der Aufschrift CDO - bis die Blase platzte und es mit dem Monopolyspiel erst einmal vorbei war.

Am Ende von „The Big Short“ sehen wir Menschen in Autos und Zelten campieren, weil sie ihre Häuser verloren haben. Oder sie verlassen mit grimmigen Mienen und Pappkartons unterm Arm zum letzten Mal ihren Arbeitsplatz. Der Börsencrash ist da, die Weltwirtschaft kollabiert.

Hollywoods-Elite erklärt schwere Kost

In den zwei Stunden dazwischen aber geschieht in diesem Film Sensationelles. Hollywoods begehrteste Schauspieler - Christian Bale, Brad Pitt, Ryan Gosling, Steve Carrell - machen verständlich, wie es zum Crash kommen konnte. Was Sie schon immer über Finanztransaktionen wissen wollten und nie kapiert haben: Hier wird es Ihnen erklärt. Und das sogar ziemlich sexy: Die schöne Margot Robbie (schon dabei in „The Wolf of Wall Street“) aalt sich mit Champagnerglas in der Badewanne und beantwortet die Frage, warum Menschen nicht in der Lage sind, finanzielle Risiken nüchtern zu bewerten.

Ja, es gibt schon einige Filme zum Fananzcrash 2007/2008, auch richtig gute. J. C. Chandor berichtete in „Margin Call“ von der letzten Nacht vorm großen Ausverkauf, Martin Scorsese ließ den zähnefletschenden „Wolf of Wall Street“ los. Und dann ist da schließlich auch noch Oliver Stone mit seiner behäbigen und wenig erhellenden Fortsetzung „Wall Street 2“.

„The Big Short“ ist anders. Regisseur Adam McKay („Anchorman“) erzählt frei nach dem gleichnamigen Sachbuch von Michael Lewis, was die Finanzwelt zusammenhält, bevor sie auseinander- fällt. Er porträtiert eine Handvoll kauziger Typen wie Burry (Christian Bale), die die Katastrophe kommen sehen und gegen den Markt antreten. Diese Eigenbrötler und Provokateure wetten auf den baldigen Absturz der obskuren Finanzprodukte, im Englischen bekannt als „Short-Strategie“.

Recherche im Strip-Club

Echte Helden sind das nicht, auch sie wollen abkassieren. Der Einzige, der ein Gewissen hat, hatte sich von der Börse zurückgezogen, kehrt nun aber kurzfristig zurück und faltet die Kollegen mit dem Dollarzeichen in den Augen gelegentlich zusammen: Star-Investor Ben Rickert (Brad Pitt) weiß, dass es hier nicht nur um ratternde Zahlen auf Monitoren geht, sondern um Millionen von Menschen, die ihre Häuser, Pensionen und Ersparnisse verlieren werden. Irgendwer muss die Zockerei ja bezahlen.

Service

„The Big Short“, Regie: Adam McKay, 131 Minuten, FSK 6 Astor, Cinemaxx, Cinestar, Cinemotion, Kino am Raschplatz

In irrem Tempo bewegen wir uns auf die Krise zu. Trader Steve Eisman (Carell) recherchiert im Striptease-Club bei einer Tänzerin, die eine ganze Handvoll nicht abbezahlte Häuser ihr Eigen nennt und bald schon die Hypothekenzinsen nicht mehr wird zahlen können. Im Swimmingpool einer Bauruine sind schon die Alligatoren eingezogen. Und Gaststar und Chefkoch Anthony Bourdain demonstriert am Beispiel von nicht mehr ganz so frischen Fischfilets, wie sich daraus dennoch eine leckere Suppe zaubern lässt - dasselbe Prinzip wendeten die Banken an. Wenn wieder eine Erklärung fällig ist, wird die Handlung eben unterbrochen und der Zuschauer direkt angesprochen. Danach geht’s umso flotter weiter.

Börsenaufsicht, Wirtschaftspolitiker, die bis heute gefürchteten Ratingagenturen: Alle sitzen hier in einem globalen Casino und arbeiten am großen (Selbst-)Betrug. Auch die Deutsche Bank bekommt ihr Fett weg.

Ein Happy End kann der Regisseur nicht bieten - so viel Realismus muss sein. Für einen Moment nur lässt er seinen Erzähler von zur Rechenschaft gezogenen Bankern und gezähmten Finanzmärkten träumen. Dann holt er uns zurück in die Wirklichkeit: Das alte Spiel ist mit neuen Verpackungstricks längst wieder in vollem Gang.

Von Stefan Stosch

 

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Milow spielt im Capitol