Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -1 ° Schneeschauer

Navigation:
Finale und Zahlen beim Festival

Kunstfestspiele Herrenhausen Finale und Zahlen beim Festival

Bilanz bei den Kunstfestspielen: Weiniger Besucher, viele Künstler und eine besser Auslastung. Am letzten Wochenende lief das Festival mit vielen Veranstaltungen noch einmal zu Hochform auf.

Voriger Artikel
Campino wird 50
Nächster Artikel
„Madagascar 3“ sticht Tom Cruise aus

Ohne Pauken und Trompeten: Das Taipei Chinese Orchestra in Herrenhausen.von Ditfurth

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Gebrochene Akkorde und Breakdance, Maschinenmusik und Gartenkunst und ein exotischer Farbrausch für die Ohren: Zum Abschluss nahmen die Kunstfestspiele Herrenhausen ihr diesjähriges Motto „Fragiles Gleichgewicht“ noch einmal beim Wort. Es gab gelungene Balanceakte en masse zu bewundern.

Das gilt auch und gerade für die Bilanz des diesjährigen Ausgabe, die hohen künstlerischen Anspruch mit ansprechenden Besucherzahlen kombiniert. Gut 7000 Zuschauer haben die Organisatoren gezählt - rund 1000 weniger als im vergangenen Jahr. Die Auslastung der insgesamt 24 Veranstaltungen lag bei 80 Prozent und damit drei Prozent höher 2011. Freilich hat Intendantin Elisabeth Schweeger dafür auch immensen Aufwand betrieben: Insgesamt waren in diesem Jahr 682 Künstler aus der ganzen Welt zu Gast in Herrenhausen - jeder einzelne von ihnen hatte also im Schnitt nur gut zehn Zuschauer.

Dass sich diese intensive Publikumsbetreuung aber durchaus lohnen kann, lässt sich nicht so einfach an den Zahlen ablesen. Viele der Produktionen waren tatsächlich die Ereignisse, von denen ein Festival lebt. Vor allem mit ungewöhnlichen Musikpräsentationen (das Wort Konzerten griffe wohl zu kurz) haben die Kunstfestspiele erfolgreich neue Wege beschritten und so beste Voraussetzungen, künftig noch mehr Publikum zu gewinnen. Gelegenheit dazu gibt es wieder im kommenden Jahr. Die vierten Kunstfestspiele stehen vom 31. Mai bis zum 22. Juni 2013 unter dem Motto „Heimat Utopie“ und unter gewohnten Vorzeichen: Überlegungen, die Struktur des Festivals grundsätzlich zu ändern, bleiben vorerst nur Überlegungen.

Bedenkenswertes gab es aber auch am Abschlusswochenende genug. Von Daniel Otts musikalischer Aktion „Fountain 16/2“ etwa ließ sich nur die Große Fontäne nicht aus der Fassung bringen. Sie stand wie eine Eins, während rund um die Wasserattraktion der Gärten vier Schlagzeuger dem Rauschen und Platschen des Wassers ihre Klangduschen entgegensetzten. Dazu kam aus Lautsprechern Ungewisses. Alles vereinte sich zum vagen Klang, zur akustischen Spiegelung. Dass sich am Ende eines grauen Nachmittags mehr Akteure verbeugten, als Passanten den Weg in den hinteren Garten gefunden hatten, schmälert die Bilanz nicht.

Ein volles Haus gab es am Freitagabend, als in der Orangerie das Ensemble Resonanz und die HipHop Academy Hamburg unter der Überschrift „Sampled Identity“ fragten „wie wir werden, was wir sind“. Dass die einleitenden Wagner-Klänge ein bisschen nach Kurkapelle tönten, lag daran, dass nicht unter jeder schwarzen Zipfelmütze ein Musiker steckte: Bald war die erste „Battle“ zwischen Streichern und Hip-Hoppern im Gange. Die einen wanderten durch Musiklandschaften, die anderen versuchten mit großer Beweglichkeit, die Musik nicht nur akustisch zum Schweben und Tanzen zu bringen. Der Rhythmus kam von der Beatbox, die Musik stammte von Bach, Beethoven, Schostakowitsch und Tobias Schwencke, der auch die Arrangements besorgt hatte. Zwei Rapper, die hörbar unter Hormonstau litten, steuerten ihre Identitätsmerkmale bei. Auch wenn die Dramaturgie des Abends bisweilen brüchig war: Zwischen gegeigten Liebesnotfallsirenen, akustischen Ballspielkünsten und tänzerischen Schlangenbeschwörungen zu Tonschleifen präsentierte Abend viele Splitter der Identität.

Ähnlich heterogen und ebenso angetan war das Publikum am Sonnabend, als im Galeriegebäude Streichquartettkenner, Avantgardeliebhaber und Poetry-Slammer gespannt lauschten, was das Arditti Quartet und der amerikanische Poet Saul Williams zu bieten hatten. Das Arditti Quartet gehört immerhin zur Weltspitze, wenn es um neue Klänge geht (aber nicht nur dann). Die vier Musiker hatten mit Conlon Nancarrows Kompositionen alle Hände voll zu tun. Schließlich hatte Nancarrow keine Rücksicht auf Fingerfertigkeiten genommen, als er seine „Piano-Studies“ für mechanisches Klavier in die Papierrollen stanzte. Sein erstes Streichquartett klingt da im Vergleich fast schon klassisch, das späte dritte Quartett, das er 1987/88 für das Arditti Quartet schrieb, kommt da mit seinen Rechenkünsten und seinen Forderungen an die rhythmische Eigenbestimmtheit jeder Stimme, den Klavierkunststücken schon näher.

Einen Drahtseilakt gab es nach der Pause zu bewundern: „NGH WHT“, ein halbstündiges Stück für Sprecher und Streichquartett. Wobei der amerikanische Dichter Saul Williams nicht nur Sprecher, sondern auch Mitsänger, Mitdirigent, Antreiber und Ausmaler war. Man muss (und kann wohl auch kaum) alles auf Anhieb verstehen, was er da in 33 Kapiteln verhandelt, aber es hilft, wenn man den Titel mal für sich laut ausspricht. Das ist Poesie zum Hören. Narratives Erleben. Thomas Keßlers Komposition, die man kaum Vertonung nennen kann, liefert dazu oft akustische Satz- und Ausrufezeichen, ist manchmal illustrativ, erobert sich aber auch Freiräume, die Irvine Arditti und seine drei Mitstreiter farbenreich ausschmücken. So ist das Gleichgewicht zwischen Lyrik und Musik mal stabil und mal fragil, doch auf diesem Drahtseil kamen alle gut an.

Ganz und gar exotisch wurde es schließlich am Sonntag: Das Taipei Chinese Orchestra brachte gleich in Großformat fernöstlich fremde Klänge in die bestens gefüllte Galerie. Allein der Anblick der fremden Instrumente mit Pferdeköpfen, Bambus und Schlangenleder konnte berauschen - vom Klang, den sie hervorbrachten, ganz zu schweigen. Schon in den ersten Takten einer, wie sich bald herausstellen sollte, vergleichsweise harmlosen Bearbeitung eines taiwanischen Volksliedes war es, als betrachtete man ein Gemälde aus bislang unbekannten Farben. Stücke von Janet Jieru Chen und dem bekanntesten chinesischen Komponisten Tan Dun brachten die Möglichkeiten des Orchesters weiter zur Entfaltung. Als Gast fügte sich schließlich die britische Schlagzeugerin Evelyn Glennie mit einem Werk des Dirigenten Yiu-Kwong Chung kraftvoll in die fremde Welt ein. Ein starker Schlusspunkt unter einer starken Kunstfestspielausgabe.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Hohe Förderung
Kunst in Herrenhausen: Damit die Kunstfestspiele stattfinden können, werden sie hoch bezuschusst.

Die Kunstfestspiele in Herrenhausen sind für die Stadt Hannover ein teures Zuschussgeschäft. Nach Informationen der HAZ ist in diesem Jahr jeder Besucher mit 91 Euro aus Steuermitteln bezuschusst worden.

mehr
Mehr aus Kultur
Bilder vom Konzert von Terry Hoax im Capitol

Heimspiel für Terry Hoax: Hier gibt es die Konzertfotos der hannoverschen Rockband.