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06:55 31.10.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Wolfgang Tiemann stellt seine Kunst nahe dem Entstehungsort aus. Quelle: dpa (Symbolbild)
Seelze

Zwar sind die Farben längst trocken, aber zu sehen sind hier, im Dorf Kirchwehren bei Seelze, immerhin Kunstwerke am Ort ihrer Entstehung – im Atelier des Malers Wolfgang Tiemann.

Der stellt unter dem Titel „Floating Land 2“ einen neuen Zyklus seiner Arbeiten vor. Und während die seit vielen Jahren mit dem Maler befreundete Edelgard Bulmahn, früher Bundesbildungsministerin und heute Bundestagsvizepräsidentin, die Ausstellung eröffnet, hat man schon Gelegenheit, den Impuls, aus dem heraus Tiemann seine Bilder schafft, aus der Nähe zu betrachten. „Es ist immer noch der alte Ballettakt“, sagt er später in kleinem Kreise auf die Frage nach seiner Arbeitstechnik. Nach dem ersten Wurf komme die Feinarbeit. „Dann folgt, in einem dialektischen Prozess, die Auseinandersetzung mit dem Gemalten, der Dialog mit dem entstehenden Bild.“

Wie ein grober Keil zieht sich denn auch auf seinem Ölgemälde „Reflexionen“ eine Abrisskante diagonal durchs Bild, in dickem Farbauftrag mit den Spatel gezogen. Darüber sind Nebelschwaden getupft, darunter ist eine scharfe Wasserlinie gezogen – und beim Zurücktreten setzt sich das Ganze zu einem Panorama aus Stein, Himmel und Wasser in Weiß, Schwarz und Blau zusammen – über einem lavarot glühenden Vordergrund.

Lava im Wasser? In Wahrheit kopiert dieser Künstler natürlich keine Landschaften, hier geht es um eine andere Wahrhaftigkeit als die des Abbilds. „Wolfgang Tiemann malt keine romantischen Sehnsuchtsbilder“, konstatiert Wilfried Köpke, Professor für Kulturjournalismus an der Hochschule Hannover, bei seiner Einführung in Tiemanns Werk. Mit seinen ebenso unwirtlich wie bedrohlich wirkenden Außenwelten habe Tiemann „fordernde Stimmungsbilder als Landschaften geschaffen“. Und die visualisieren viel mehr als irgendwelche Außenwelten die Innenwelt des Künstlers. „Ich gucke nicht mehr hin“, soll der, dazu passend, über seine Landschaftsvisionen gesagt haben, „und könnte sie auch nach fünf Jahren Knast noch malen.“

Ganz klar, es ist ein eher besorgter Blick, den Tiemann auf die Wirklichkeit wirft. „Schützt die Welt“, sei die Botschaft seiner Bilder, hat Tiemann zu Köpke gesagt. „Sie ächzt unter der Last von sieben Milliarden Menschen.“

Nun ja. Man kann diese skeptische Weltsicht in Tiemanns Bildern erblicken. Die ist immerhin erfahrungsgesättigt, seit Tiemann mit seinem Kunstprojekt „Paper Roads“ nach Sevilla und Schanghai, nach Damaskus und Aleppo durch die Welt gezogen ist. Man kann sich aber auch einfach an den Techniken dieses Künstlers erfreuen, der Nebelbänke mit Öl tupfen oder mit Aquarellfarbe verlaufen lassen kann und mit dem Zeichenstift ebenso souverän umgeht wie mit der Radiernadel.

Die Resultate solcher Kunstfertigkeit sind im Dorf Kirchwehren zu besichtigen – in Gestalt von mehr als zwei Dutzend Werken, die vom Zeichenblockformat bis zum drei mal fünf Meter riesigen Triptychon reichen. Und weil der 62-jährige Tiemann nicht nur ein solider Handwerker sondern auch ein guter Netzwerker ist, finden sich unter den zahlreich erschienenen Kunstinteressierten noch weitere Prominente wie der frühere Landtagspräsident Rolf Wernstedt. Heiner Aller ist da. Olaf Glaeseker auch.

Außer im Atelier schauen sie sich noch in Tiemanns benachbartem Kunsthaus um, wo in mehreren Räumen eine kleine Retrospektive geboten wird. Von Tiemanns früheren Arbeiten ist da ein Bild aus seiner Beschäftigung mit dem Dädalus-Mythos zu sehen. Und unter den Druckgrafiken sind etliche Radierungen weiblicher Torsi, darunter eine auch noch blutrot koloriert. Da versteht dann jeder den Hinweis von Wilfried Köpke, dass Wolfgang Tiemann jenseits seiner metaphorischen Landschaftsbildern ebenso Geschichte wie Geschlechtlichkeit zum Thema macht.

„Floating Land 2“ im Atelier Tiemann, Neue Straße 6–8, Kirchwehren. Geöffnet Sonntag, 2. November, 12 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung unter Telefon (01 72) 4 19 23 03.

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