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Kultur Performer im Schlammbad
Nachrichten Kultur Performer im Schlammbad
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22:49 19.01.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Wild im Wald: Jakob Benkhofer (Lysander, links), Daniel Christensen (Puck), Daniel Nerlich (Demetrius) und Rainer Frank (Oberon). Quelle: Karwasz
Hannover

Zwei Strophen, und schon ist man bereit für die Nachtgestalten im Theaterzauberland. Und noch kein Wort von Shakespeare ist gefallen. Das ist verblüffend. Wie vieles an dieser wunderbar leichten, aber doch gewichtigen Inszenierung von Florian Fiedler verblüffend ist.

Fiedler nimmt das Stück ernst, er spielt den ganzen „Sommernachtstraum“, dieses 420 Jahre alte verrückte Nachtspiel um wechselseitiges und wechselndes Begehren, aber er spielt auch viel Eigenes. Er erzählt diese zeitlose Geschichte von Liebe und Zufall, und er erzählt auch von heute. Er übertreibt das Übertreibungsspiel noch, findet lauter witzige Neben- und Zwischenspiele und präpariert den Kern der Sache doch ganz hervorragend heraus: dass die Liebe ein seltsames Spiel ist. Dass manchmal Schlimmes passiert. Und dass oft keiner etwas dafür kann.

Florian Fiedler inszeniert Shakespeares „Sommernachtstraum“ am Schauspiel Hannover.

Das Theater kann gut davon erzählen. Und es vermag - bei Shakespeare sowieso - immer auch gut von sich selbst erzählen. Die theaterspielenden Handwerker im „Sommernachtstraum“ sind nicht zwingend komisch. Wenn ein Regisseur mit ihnen nichts Eigenes anzufangen weiß, können die Theater-auf-dem-Theater-Szenen leicht danebengehen. Hier aber sind sie überaus komisch. Die Handwerker sind Kellner in weißen Jacken, und sie wollen nicht einfach nur Theater machen, sondern ausdrücklich zeitgenössisches Theater. So nennt sich der begabteste Akteur denn auch „Zettel, der Performer“. Wichtiger als das Probieren ist das Diskutieren, also sitzen die Theaterfreunde am Tisch, schütten Kaffee in sich hinein, reden einander sanft mit „Lieber, du“ an und kommen zu dem Schluss, dass sich heutzutage eigentlich gar nichts mehr darstellen lässt. Dabei gibt es witzige Einblicke in Kantine, Kneipe oder Dramaturgenbüro (was ja oft dasselbe ist) sowie die Erkenntnis, dass Shakespeares Theaterüberlegungen vom heutigen Theaterdiskurs gar nicht so weit entfernt sind.

Die Handwerker fordern zeitgenössisches Regietheater. Florian Fiedler liefert es - und zwar nicht nur in den Handwerkerszenen. Es gibt alles, was gerade in Mode ist: großformatige Videoprojektionen, einen Musiker (Martin Engelbach) auf der Bühne und hinten links das Schlammbad. War das eigentlich Absicht? Auch bei Felicia Zellers „Kaspar Häuser Meer“, das zwei Tage zuvor Premiere hatte, war hinten links auf der Bühne ein Bottich mit Dreck zum Spielen installiert. Wird das jetzt immer so sein?

Im „Sommernachtstraum“ stürzen Puck und die verliebten Paare immer wieder ins Schlammbad. Schwer verdreckt wird weitergespielt. Hier wirkt das aber nicht als lästiges Regietheaterzitat sondern zwingend: So treibt es eben die Liebe. Die Schauspieler geben viel: Am Ende stehen die meisten schlammverkrustet auf der Bühne (von Maria-Alice Bahra), die einen alten Ballsaal zeigt, der sich durch geschickten Lichteinsatz in einen Wald verwandelt. Großartig sind die Liebespaare. Hermia (Julia Schmalbrock) und Helena (Juliane Fisch), Demetrius (Daniel Nerlich) und Lysander (Jakob Benkhofer) erzählen mit großem Ernst und erheblicher Wut (zwei Stühle werden zerschlagen) von den Qualen, die die Liebe bereiten kann. Puck (Daniel Christensen) ist ein geschundener Praktikant des Elfenkönigs (Rainer Frank). Elfenkönigin Titania (Beatrice Frey) hängt übermüdet im Kronleuchter. Schauspieler Zettel (Sebastian Schindegger) performt mit Leidenschaft und Größe, und Handwerkerregisseur Peter Squenz (Wolf List) wirkt am Ende wie in stiller Verzweiflung zusammengefaltet.

Regisseur Florian Fiedler malt das Stück nicht in Pastelltönen nach. Er trägt dick die Ölfarbe auf, er macht es bunt, oft auch grell. Und meistens passt das auch. So treibt er das Spiel mit der Zauberblume noch ein bisschen weiter als üblich. Bei ihm entbrennt die Liebe auch mal innerhalb der Geschlechtergrenzen: Demetrius verguckt sich in Lysander. Das steht nicht bei Shakespeare, hätte aber bei ihm stehen können. Das homosexuelle Abenteuer dauert nicht lange.

Puck dreht an einer Kurbel: Schon wird das Spiel zurückgespult und der Fehlblick korrigiert. Die Liebe zum Mann war nur eine Möglichkeit. Der „Sommernachtstraum“ ist ein ungeheuer elastisches Stück. Es lässt sich in viele Richtungen dehnen - und Regisseur Fiedler nutzt das klug aus. So werden die Zuschauer mehr als zwei Stunden lang (ohne Pause) bestens unterhalten.

Weitere Vorstellungen: 23., 25. und 31. Januar. Karten: (05 11) 99 99 11 11.

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