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Florian Fiedler leitet Junges Schauspiel Hannover

"Theater muss man lernen" Florian Fiedler leitet Junges Schauspiel Hannover

Plötzlich ist er Abteilungsleiter geworden. Abteilungsleiter – dieser Begriff wird wahrscheinlich nicht auf seiner beruflichen Wunschliste gestanden haben. Wenn er so eine überhaupt angefertigt hat. Doch nun ist er es: Florian Fiedler, 34 Jahre alt, meist mit buntem T-Shirt, Cargohose oder Jeans unterwegs, kein Auto, schwer zu bändigende Haare, ist Abteilungsleiter: Seit Kurzem leitet er das Junge Schauspiel Hannover.

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Plant einen Bauernhof auf dem Ballhof: Florian Fiedler.

Quelle: Hagemann

Hannover. Intendant Lars-Ole Walburg hatte sich von Marc Prätsch, der die Sparte erst kurz zuvor von Heidelinde Leutgöb übernommen hatte, getrennt und Florian Fiedler den Job angeboten.

Der Regisseur, der seit Beginn von Walburgs Intendanz am Schauspiel Hannover tätig ist, hat nicht gezögert, sich der Herausforderung zu stellen. Ganz neu ist so eine Verantwortung für ihn nicht. In seiner Zeit als Regisseur am Schauspiel Frankfurt hat er die „schmidtstraße 12“ geleitet, eine Nebenbühne und Experimentierstation des Theaters. Erfahrung mit der Jugendtheaterabteilung des Hauses hat er auch: Fiedler war Regisseur des Projekts „Republik Freies Wendland“, bei dem im September vergangenen Jahres auf dem Ballhofplatz ein theatrales Widerstandsdorf gegen die Atomenergienutzung eingerichtet wurde.

Über das Projekt wurde viel diskutiert, besonders nachdem Jürgen Trittin, der bei einer Podiumsdiskussion zu Gast war, mit einer Sahnetorte attackiert worden war. „Wir haben das Ausmaß der Sache damals total unterschätzt“, sagt Fiedler heute, „nie wäre ich darauf gekommen, dass so ein Projekt so viel mediale Aufmerksamkeit erhalten könnte.“ Und der Angriff auf Trittin? „Ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass es bei der Podiumsdiskussion irgendwie gefährlich werden könnte.“

Ein Projekt wie das Wendland-Dorf auf dem Ballhofplatz würde er jederzeit wieder machen. Aber vielleicht doch ein bisschen anders; etwas mehr Zeit würde er dem Projekt geben. „Vielleicht“, sagt der Regisseur, „würden wir damit manches noch intensivieren können.“

Ihm schwebt auch schon ein neues politisches Theaterprojekt für den Ballhof und den Ballhofplatz vor: ein Bauernhof. Man würde sich mit Landwirtschaft, Ernährung und autarkem Leben auseinandersetzen und auch etwas zum Thema Hunger in der Welt machen. Aber erst mal hat er anderes zu tun, zum Beispiel „Die Nibelungen“ von Hebbel zu inszenieren. Das wird keine Produktion für die Jugendabteilung sein, sondern als zweite Produktion der neuen Spielzeit auf die große Bühne ins Schauspielhaus kommen. Premiere ist am 23. Oktober. „Das ist eine Riesengeschichte“, sagt Fiedler. Ihn interessiere dabei besonders das Porträt einer Gesellschaft, die auf Geld und Krieg basiere und daran zugrunde gehe.

Seine erste eigene Arbeit an der Jugendabteilung bringt er aus Frankfurt mit. Dort hatte er Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ inszeniert. Vier Jahre lang lief das Stück in Frankfurt meist vor ausverkauftem Haus. In Hannover wird er es demnächst neu einrichten. Klassiker, meint er, seien ohnehin gut für den Ballhof. Sein Ziel ist es, Zuschauer die älter als 40 Jahre sind und denken, dass Jugendtheater nichts für sie sei, in den Ballhof, die Spielstätte des Jungen Schauspiels Hannover, zurückzuholen.

Das Junge Schauspiel sieht er aber auch als Angebot für Theatereinsteiger: „Theater versteht man nicht immer sofort, das ist etwas, das man lernen muss.“ Er hat Theater schon ziemlich früh gelernt. Seine „ziemlich theateraffine“ Mutter hat in Friedensgruppen Theater gespielt. Rollenspiele aller Art waren für Florian Fiedler, der als Kind in einer Wohngemeinschaft auf dem Land aufgewachsen ist, etwas ganz Normales. Und irgendwann fing er dann selber an. Da bei der Theatergruppe, in der er mitmachen wollte, alle Rollen vergeben waren, sprang er als Souffleur ein. Aus dem Plan, als Souffleur irgendwann auf der Bühne zu stehen, falls einer der Darsteller mal ersetzt werden müsste, wurde zwar nichts, aber der junge Theaterfreund schaute sich immerhin die Arbeit des Regisseurs genauer an und wusste bald: Das kann ich auch. Und zwar besser.

So machte er bei verschiedenen Jugendtheaterprojekten mit, bis er die erste Regieassistenz bekam und dann die erste eigene Regie. Ganz kurz hat er auch Germanistik studiert: zwei Tage. Dann kam das Angebot, bei Karin Beier zu hospitieren, die „Was ihr wollt“ am Deutschen Schauspielhaus inszenierte. Da war klar, dass Fiedler vom Theater so schnell nicht wegkommen würde.

Von 1998 bis 2001 war er Regieassistent am Theater Basel, wo er unter anderem mit Stefan Bachmann, Lars-Ole Walburg, Nicolas Stemann, Sebastian Hartmann und Tim Staffel zusammengearbeitet hat. 2003 erhielt er den renommierten Gertrud-Eysoldt-Preis für Junge Regisseure, ein Jahr später zeichnete ihn die Kritikerjury als Nachwuchsregisseur des Jahres aus. Und 2009 hat ihn Walburg dann nach Hannover geholt. Wo er nun Abteilungsleiter ist.

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