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Floris Visser inszeniert Oper „Jenufa“

Staatsoper Hannover Floris Visser inszeniert Oper „Jenufa“

Folgenreiche Dorfromanze: Floris Visser inszeniert Leoš Janáceks Oper „Jenufa“ an der Staatsoper Hannover. Abstraktion und Naturalismus - das sind die beiden Pole, zwischen denen Janácek seine erste große Oper entwickelt hat. Am Ende: Viel Applaus, in den sich einige wenige Buh-Rufe für das Regieteam mischen.

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Zwei Paare, wenig Glück: Jenufa (Kelly God, links) und Laca (Robert Künzli) warten auf ihre Trauung, während sich der untreue Steva (Ivan Tušic) bereits mit Karolka (Carmen Fuggiss) vergnügt.

Hannover. Man muss das Glück doch zwingen können! Auch, wenn es ein drastischer Weg ist, den diese Frau dafür einschlagen muss. Sie will ihre Ziehtochter, die verlassen von ihrem Geliebten ein uneheliches Kind geboren hat, mit einer Hochzeit vor einer Zukunft in Schande bewahren. Ausgerechnet die sittenstrenge Küsterin des Dorfes entscheidet sich darum für eine Todsünde: Damit ihre geliebte Jenufa doch noch vom einst verschmähten Verehrer Laca genommen wird, ertränkt sie deren Säugling nachts im Eiswasser des Mühlenbaches.

So brutal die Handlung sich am Ende des zweiten Aktes von Leoš Janáceks Oper „Jenufa“ zuspitzt, so hartherzig tönt hier auch die Musik: Aus den Paukenschlägen, in denen die düstere Entschlossenheit der mordenden Küsterin nachklingt, explodieren plötzlich mit voller Orchesterwucht schmerzhaft-grelle Dur-Akkorde. Mit massiver Gewalt soll hier ein gutes Ende erzwungen werden - und es ist eigentlich nicht zu überhören, dass das nicht gut gehen kann.

Die Oper von Leoš Janáček feierte in Staatsoper Hannover Premiere. Es ist nach dem Drama „Její pastorkyňa“ (Ihre Stieftochter) von Gabriela Preissová (1890) konzipiert, inszeniert hat „Jenůfa“ der Regisseur Floris Visser. Szenische Einblicke in das Stück.

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An der Staatsoper Hannover, wo „Jenufa“ nun zum Abschluss der Spielzeit Premiere hatte, mangelt es allerdings ausgerechnet dieser Szene an letzter Entschlossenheit. Sicher, das Staatsorchester spielt jederzeit wohlklingend und makellos, aber unter der Leitung von Karen Kamensek fehlt mancherorts das Scharfe und Hässliche, der unerbittliche Wille zum Schmerz, der Janáceks Musik so außergewöhnlich macht.

Dass der Zuhörer auf einige Farben verzichten muss, bedeutet aber nicht, dass die Produktion im Ganzen musikalisch enttäuschend wäre. Wenn Jenufa ihr berühmtes Ave Maria singt oder sie am Ende ihrer Stiefmutter verzeiht, entfaltet das Orchester dazu einen milden, lichten Klang, wie er schöner kaum vorstellbar ist. Das nutzt in der Titelrolle Kelly God, die das Opernhaus am Ende scheinbar mühelos mit ihrem leuchtenden Sopran fluten kann. Auch Robert Künzli liefert als heiratswilliger Laca ein packendes Rollenporträt: Sein Hochdrucktenor passt ideal zu diesem gequälten Helden. Und als Gast im Ensemble macht Hedwig Fassbender die Küsterin nicht nur mit ihrem herben, nuancenreichen Mezzosopran zur heimlichen Hauptrolle, sondern auch durch ihr differenziertes Spiel.

Damit unterscheidet sich die Sängerin, die diese Partie bereits in vielen anderen Produktionen übernommen hat, deutlich vom übrigen Ensemble. Der 32-jährige holländische Regisseur Floris Visser hat nämlich eine etwas überdeutliche Personenführung entwickelt. Je nach Charakter erscheint die Dorfbevölkerung grob oder steif, und Verzweiflung wird gern am Boden liegend ausgedrückt. Wenige Requisiten sorgen dabei für eine betont ländliche Atmosphäre: Melkschemel, Zinkwanne, ein langer, grober Tisch. Nur das Kreuz im Wohnzimmer der Küsterin ist so schlicht und groß, dass es schnell an die ursprüngliche Funktion dieses Foltergeräts erinnert. Schließlich hat nicht nur eine Figur in diesem Stück ihr Kreuz zu tragen.

Der etwas holzschnittartige Zugriff spiegelt sich auch im Bühnenbild von Dieuweke van Reij, das die gesamte Aufführung entscheidend prägt. Ein in die Tiefe ausgreifender Holzrahmen verbindet Außen- und Innenraum und symbolisiert zunächst korngelb eine Mühle, wird bitterschwarz beim Wintermord und im dritten Akt schließlich grün wie die Hoffnung, wenn der Frühling die erlösende Hochzeit bringen soll. Die Wände des Rahmens zeichnen hinten die Umrisse eines einfachen Hauses und geben den Blick frei auf eine ebenfalls stark stilisierte Hügellandschaft. In dieser Konstruktion verbinden sich Abstraktion und Naturalismus - die beiden Pole, zwischen denen auch Janácek seine erste große Oper entwickelt hat.

Das eröffnet dem Regisseur Raum für zusätzliche Szenen: So kann man in Hannover beim ersten Monolog der Küsterin im Hintergrund sehen, warum sie gegen eine Verbindung Jenufas mit dem ohnehin bald als unzuverlässig entlarvten Steva ist: Er gleicht bis aufs blonde Haar dem tyrannischen Ehemann der Küsterin, der trinkend und spielend das Familienvermögen durchgebracht hatte, bevor er sie zur Witwe machte.

Allerdings stößt der Bühnenrahmen auch an Grenzen: Wenn im dritten Akt Hochzeitsgäste und Hauptpersonen über die geschwungenen Miniaturhügel einziehen und nach der Entdeckung des Kindsmordes aufgeregt hin und her laufen, kann man den Ernst der szenischen Lage nicht mehr recht erkennen - die falschen Proportionen zwischen Mensch und Natur wirken dann zu lächerlich.

Nach drei Stunden (man spielt mit zwei Pausen - anders als bei der letzten Inszenierung von 2002, die insgesamt nur gut zwei Stunden dauerte) gehört der Schluss aber nur zwei Personen: Jenufa und ihr Mann brechen allen Verwundungen zum Trotz in die gemeinsame Zukunft auf. Hat sich das Glück vielleicht doch zwingen lassen? Diese Frage lässt der sonst so auf Deutlichkeit bedachte Regisseur bis zur letzten Note offen. Danach gibt es viel Applaus, in den sich einige wenige Buh-Rufe für das Regieteam mischen.

Weitere Vorstellungen am 14. und 17. Juli sowie in der kommenden Spielzeit. Karten unter Telefon (05 11) 99 99 11 11.

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