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Kultur Forscher veröffentlichen Märchen-Enzyklopädie
Nachrichten Kultur Forscher veröffentlichen Märchen-Enzyklopädie
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09:13 03.01.2015
Hans-Jörg Uther: „Die Enzyklopädie ist mein Lebenswerk. Es ist sehr erfüllend, sie nach 44 Jahren zu vollenden.“ Quelle: Robin Reinhardt
Göttingen

Es war einmal ein junger Volkskundler, der sich 1971 als wissenschaftliche Hilfskraft an der Göttinger Universität verdingte. Durch eine Fügung des Schicksals wurde er einer von vier Redakteuren eines weltweit einzigartigen Mammutprojekts. Die Forscher zogen aus, die erste umfassende Enzyklopädie des Märchens zusammenzutragen: ein Handwörterbuch, das in 14 Bändern Stichwörter von „Abwehrzauber“ bis „Zwerg“ erklärt.

44 Jahre später ist das Werk vollendet. Der junge Volkskundler von damals ist heute Professor, 70 Jahre alt und eigentlich seit fünf Jahren im Ruhestand. Doch für sein Lebenswerk leitet Hans-Jörg Uther die Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften weiter, bis ein Registerband in diesem Jahr das im Wissenschaftsverlag Walter de Gruyter veröffentlichte Nachschlagewerk abrunden wird.

Es ist einzigartig in der für Kurzzeitverträge berüchtigten Geisteswissenschaft, über mehrere Jahrzehnte mit einem fast gleichbleibenden Mitarbeiterstamm forschen zu können. Uther hat selbst 138 der rund 4000 Artikel verfasst und dem Projekt sein ganzes Arbeitsleben gewidmet. Wenn er darüber spricht, klingt er, als wäre ihm ein Schluck aus dem Wunschbrunnen zuteilgeworden.

Man muss schon durch die Göttinger Altstadt mit den vielen Fachwerkhäusern rund um den pittoresken Gänseliesel-Brunnen schlendern, um in Märchenstimmung zu kommen. Das nüchterne Wissenschaftsambiente mit seinem orangefarbenen Linoleumboden im Kulturwissenschaftlichen Zentrum der Georg-August-Universität wirkt wenig verwunschen. Beim Stöbern in der Enzyklopädie jedoch breiten sich zauberhafte Welten aus. Allein die auf der Website veröffentlichte Enzyklopädie-Stichwortliste beflügelt die Fantasie. Motive wie „Brücke zur anderen Welt“, „Bürgschaft“, „Faulheitswettbewerb“, „Geistermesse“, „Rettung aus dem Brunnen“ oder „Unterwasserwelt“ wecken mannigfaltige Assoziationen.

Mehr zur Märchen-Enzyklopädie

  • Die 14 Bände der Enzyklopädie des Märchens umfassen insgesamt rund 4000 Artikel und 10 000 Seiten.
  • Mitarbeiter: Die 800 Autoren kommen aus mehr als 60 Ländern. Der Begründer ist der Erzählforscher Kurt Ranke.
  • Finanzierung: Das Forschungsprojekt wird zu gleichen Teilen vom Land Niedersachsen und dem Bund getragen. Ende 2015 läuft die Förderung aus, das Archiv kann allerdings weiter öffentlich genutzt werden. Dasselbe gilt auch für die umfangreiche Bibliothek, zu der unter anderem  Originalausgaben der grimmschen Märchen, die DDR-Reihe „Volksmärchen“ sowie die von Uther herausgegebene Reihe „Die Märchen der Weltliteratur“ gehören.
  • Preis: Die Auflage der Enzyklopädie beträgt 3000 Exemplare. Der aktuelle Band 14 kostet 379 Euro. Die ersten sechs Bände gibt es als Taschenbuch antiquarisch schon für 120 Euro.
  • Zielgruppe: Die Enzyklopädie richtet sich nicht nur an Wissenschaftler, unter den Abonnenten sind auch viele Laien, welche die Bände von vorne nach hinten lesen wie einen Roman.
  • Weitere Informationen finden sie hier

Der Leser bekommt Lust nachzuschauen, was sich etwa hinter einem „Halslöserätsel“ verbirgt: Ein vom Tode Bedrohter ersinnt ein unlösbares Rätsel und rettet damit sein Leben – ein Motiv, das sich sowohl in einer alten Sage aus dem Burgenland als auch in J. R. R. Tolkiens „Hobbit“-Roman findet.

„Wir verstehen Märchen wie die Brüder Grimm als Sammelbegriff für Volkserzählungen: angefangen von Zaubermärchen über Sagen, Schwänke und Legenden bis hin zu Witzen“, erklärt Uther. Auch biblische Stoffe tauchen auf, die als „Predigtmärlein“ zur Belehrung und Unterhaltung der Gemeinde in den Gottesdienst eingestreut wurden und Eingang in den Erzählschatz des Volkes fanden.

Die Enzyklopädie versammelt abstrakte Begriffe wie Ambivalenz und Anthropomorphisierung, Gattungen wie Ketten- oder Kunstmärchen und Persönlichkeiten: vom romantischen Dichter Adelbert von Chamisso bis zu Walt Disney, der mit seinen Zeichentrickfilmen das Bild von Cinderella und Co. prägte. Auch unflätige Begriffe wie „Arsch“, „Dauerpisser“ und „Furz“ fehlen nicht. Im Märchen geht es eben mitunter derbe zu – oder auch grausam, wie die Stichworte „Menschenopfer“, „Vergewaltigung“ und „Folter“ belegen. Dem zentralen Gegensatz, von dem Märchen leben, dem von „Gut und Böse“, sind überraschenderweise nur sieben Spalten gewidmet, dem „Fuchs“ hingegen gleich 90.

Neben bekannten Märchenfiguren wie „Frau Holle“, dem sagenhaften „Klabautermann“, dem Elfenkönig „Oberon“ oder der slawischen Hexe „Baba Jaga“ finden sich auch unerwartete Namen wie „Alexander der Große“ in der Enzyklopädie. Der griechische Herrscher ist laut Uther „eine der lang nachwirkenden Kristallisationsfiguren abenteuerhafter Erzählungen, von denen viele wie die Geschichte um das Zerschlagen des Gordischen Knotens noch heute bekannt sind“. Europa steht im Vordergrund, doch auch einzelne Geschichten aus Afrika oder Asien werden bedacht.

An der Enzyklopädie lässt sich ablesen, wie unterschiedliche Kulturen ähnliche Erzählmuster entwickelten. „Die meisten Märchen beginnen mit einem Mangel und enden mit der Behebung desselben“, erklärt Uther. „Eine Witwe hat nicht genug Essen für ihre Kinder oder dergleichen. Das ist ein narratives Grundmuster, das weltweit auftritt.“ Das Motiv des Fischdiebstahls – in vielen Fabeln ist ein Fuchs der Räuber – taucht unter anderem in finnischen, afrikanischen, mayanischen, jüdischen und indischen Geschichten auf. Und das Rapunzel-Motiv (Mann klettert an Wand hinauf, um zu begehrter Frau zu gelangen) gibt es auch im Japanischen.

Einzelne Artikel aus den ersten Bänden sind inzwischen überholt, etwa über „Computeranalyse“. Doch im jüngst erschienenen Band 14 wird zeitgenössischen Entwicklungen mit Einträgen von „Zombies“ über „Fantasy-Rollenspiele“ bis „Manga“ Rechnung getragen.

Der Keller des Kulturwissenschaftlichen Instituts hingegen scheint seit den Siebzigern in einen Dornröschenschlaf gefallen zu sein. In einem langen Gang reihen sich nummerierte Regalschubladen aneinander. Sie haben das Grün von Tannen – ein Zauberwald für Forscher. Aufgeregt zieht Uther einen Kasten nach dem anderen aus dem Regal. „Ah, Nummer 751G*, das ist eine Geschichte über Brotfrevel, der spielt in Sagen und Legenden eine große Rolle!“, sagt er. In Zeiten von digitaler Speicherung scheint das Göttinger Archivsystem mit 120 000 fotokopierten Zettelkästen und mit Bleistift beschrifteten Leitzordnern aus der Zeit gefallen zu sein. Zugleich vermittelt diese physisch greifbare Sammlung eindrucksvoll ein Gefühl davon, wie viel Herzblut in dieses Projekt geflossen sein muss. Uther deutet auf ein Regal: „Hier versammeln wir die Korrespondenzen mit den Autoren aus den ersten Jahren. Heutzutage läuft natürlich viel über E-Mail. Da kann einiges verloren gehen, weil man nicht alles ausdruckt.“

Der Professor hat ein bestehendes internationales Werkverzeichnis für Erzähltypen perfektioniert. Rotkäppchen ist bei ihm Nummer 333, hinter 1 bis 299 verbergen sich Tierfabeln. Dieses Jahr wird Uther seine Liste mit mehr als 70 Buchveröffentlichungen um eine über die Märchentypologie erweitern. „Das wird ein Standardwerk, es gibt kaum jemanden, der dies zusammenstellen kann“, sagt er.

Das Wohnhaus der Grimms in der Göttinger Innenstadt wurde vor Jahren abgerissen. Nur noch eine Marmortafel erinnert an dieser Stelle an die Märchenforscher. An der Georg-August-Universität hingegen, an der die Brüder zwischen 1830 und 1837 lehrten, sind sie gegenwärtig. Uther und seine Mitarbeiter sind so etwas wie ihre Erben. „Die Grimms waren die Ersten, die internationale Geschichten in Beziehung setzten. Sie begründeten die historisch-vergleichende Forschungstradition, in der auch wir stehen“, erklärt Uther.

Es sei übrigens ein Irrglaube, dass die meisten Märchen mit der Wendung „Und wenn sie nicht gestorben sind ...“ enden. „Mit dem sich wiederholenden Satz wollten die Grimms ihre Geschichten abrunden und wie aus einem Guss erscheinen lassen.“ In der Welt der Märchen gebe es aber ganz verschiedene Schlussformeln. Eine davon lautet: „Das Märchen ist aus, da läuft eine Maus.“

Von Nina May

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