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Überraschungsbesuch von den Ärzten

"Forstrock" gegen Rechts Überraschungsbesuch von den Ärzten

Das "Forstrock"-Festival im westmecklenburgischen Dörfchen Jamel ist zu einem Symbol des vereinten Widerstands gegen rechte Umtriebe geworden. Noch vor wenigen Jahren Treff einer eingeschworenen Punk-Gemeinde, treten heute Bands mit Kultcharakter auf. 

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Der Überraschungsbesuch der deutschen Punkband Die Ärzte beim "Forstrock".

Quelle: Axel Heimken/dpa

Jamel. Das Musikfestival für Demokratie und Toleranz "Jamel rockt den Förster" wird zunehmend zum Geheimtipp für besondere Überraschungsgäste. Im Vorjahr hatten Campino und die Toten Hosen mit einem Spontanauftritt die Fans beglückt und das Ehepaar Birgit und Horst Lohmeyer in seinem Widerstand gegen offene Bedrohungen durch Neonazis im Ort unterstützt. In diesem Jahr nun überraschten Die Ärzte mit einem kurzen Gastspiel die Festival-Besucher im Garten des alten Forsthofs im Nordwesten Mecklenburgs.

Auf dem Programm hatte zunächst nur Ärzte-Schlagzeuger Bela B. gestanden, was schon mit dazu führte, dass die 1200 Karten für den Eröffnungsabend am Freitag im Nu vergriffen waren. Bela B. kam mit der Gypsy-Swing-Band Danube’s Banks nach Jamel und spielte eine schräge Mischung aus Klezmer, Punk und Pop.

Doch dann traten, kurz bevor das Hip-Hop-Trio Fettes Brot um Mitternacht dem Publikum einheizte, Die Ärzte komplett auf die Bühne, um ihre Anti-Nazi-Hymne "Schrei nach Liebe" zu singen. In dem Song, der 1993 als Reaktion auf die Brandanschläge auf Flüchtlingsheime entstand und der 2015 im Zuge einer Aktion eines Musiklehrers gegen Fremdenhass zum Nr.1-Hit wurde, geht es um das stupide Leben eines jungen Neonazis.

"Hier heißt es Flagge zu zeigen und sich zu solidarisieren mit Menschen, die vor rechter Gewalt nicht zurückweichen", begründete Bela B. seine Teilnahme an dem zweitägigen Rock-Festival. Wegen seiner politischen Botschaft sei der "Forstrock" das derzeit wohl "wichtigste Festival in Deutschland", sagte der Musiker. Er habe ohne Zögern seine Teilnahme zugesagt. Auch in dem Bewusstsein, dass Auftritte bekannter Künstler das Geschehen in Jamel noch mehr ins Licht der Öffentlichkeit rückten.

Das Dörfchen bei Wismar gilt seit Jahren als eine Hochburg der rechten Szene in Mecklenburg-Vorpommern und wurde von dieser als "National befreite Zone" proklamiert. 2004 zogen der Musiker Horst und die Autorin Birgit Lohmeyer von Hamburg nach Jamel. Seither sieht sich das Paar Anfeindungen durch dort lebende Neonazis ausgesetzt. Das Festival "Jamel rockt den Förster" entstand als Reaktion auf die beständigen Versuche, die Eheleute wieder aus dem knapp 40 Einwohner zählenden Ort zu vertreiben.

"Wir wollen unseren Gästen die Gelegenheit geben, das Dorf und unsere Nachbarn zu erleben. Und gleichzeitig wollen wir zusammen gute Musik genießen", erklärte Birgit Lohmeyer, die gemeinsam mit ihrem Mann mehrfach für ihr Eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz geehrt wurde. Die Anfeindungen im Ort hielten an, sagt Birgit Lohmeyer. Die "höchste Eskalationsstufe" sei ein Brandanschlag im vorigen Sommer gewesen, dem die reetgedeckte Scheune zum Opfer fiel und der bis heute nicht aufgeklärt wurde. Eine "Pyromide" aus angekohlten Balken erinnert an den Brandanschlag, der damals für Campino den Ausschlag gegeben hatte, spontan in Jamel aufzutreten.

Ein Zeichen gegen Ignoranz, Ausgrenzung und Dummheit zu setzen und gleichzeitig Spaß zu haben, nennen auch die drei Band-Mitglieder von Fettes Brot als Gründe für ihre Teilnahme am Festival. "Wir wollen einfach zeigen, wie die große Mehrheit der Deutschen ist: weltoffen", sagte Sänger Björn Warns. Doch gebe es eben Orte wie Jamel auch in anderen Teilen Deutschlands, und deshalb müsse man die Augen offen halten. Dem pflichtet Sebastian Madsen, Sänger der aufstrebenden Rock-Band Madsen, bei: "So etwas wie national befreite Zonen darf es in Deutschland nicht geben."

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), Schirmherrin des Festivals, dankte den Lohmeyers persönlich dafür, dass sie in Jamel ein deutliches Zeichen gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit setzen. "Sie sind Vorbild, dass wir alle für unsere demokratischen Werte einstehen und dass wir Menschenfeindlichkeit etwas entgegensetzen", betonte Schwesig bei einem Besuch des Festivals am Samstag.

Unter anderem Wolf Maahn mit Band, die Rapperin Sookee und die Tequila & the Sunrise Gang hatten für einen stimmungsvollen Abschluss gesorgt. Mit zwei ausverkauften Veranstaltungen und rund 2500 Gästen verzeichnete der «Forstrock» nach Angaben der Veranstalter bei seinem zehnjährigen Jubiläum einen Besucherrekord.

Von Frank Pfaff, dpa

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