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"Diese Leute sind einsam, doch nicht verrückt"

Ausstellung in Hamburger Deichtorhallen "Diese Leute sind einsam, doch nicht verrückt"

Die Hamburger Deichtorhallen zeigen die Arbeiten der Sieger des Wettbewerbs „Gute Aussichten - Junge deutsche Fotografie“. Zu sehen gibt es dort Abgründe des Alltags.

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Merkwürdige Aussichten: Fotografin Julia Steinigeweg vor einer ihrer Fotoarbeiten in den Deichtorhallen in Hamburg.

Quelle: Sina Schuldt

Hamburg. Im Haus der Fotografie, der kleinen Hamburger Deichtorhalle, begrüßt die Besucher das riesige Bild einer Nackten in freier Natur. Lasziv räkelt sie sich im hohen Gras.Wer sich nahe an das Foto heranwagt, kann allerdings erkennen, dass diese Person nicht lebt - es handelt sich um eine Puppe.

Das Bild ist Teil einer Arbeit der jungen Fotografin Julia Steinigeweg, Absolventin der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Sie hat Zeitgenossen gefunden, für die Puppen die besseren Mitmenschen sind: eine Frau, die sich die Wohnung mit einem Muskelmann aus Silikon teilt, eine andere, die die perfekte Kopie eines Säuglings hütet, Männer, deren Puppen als Sexualpartnerinnen auf dem heimischen Bett bereitliegen. Jedem seine Olympia.

Abgründe des Alltags

Steinigewegs Fotoserie denunziert diese Fetischliebhaber nicht, doch einige Bilder lassen keinen Zweifel daran, dass die Menschen weit mehr als tote Materie in ihren Puppen sehen - sie schmiegen sich an die Ersatzpartner. „Diese Leute sind sicherlich einsam“, sagt die Fotografin, „doch nicht verrückt. Wie Kinder üben sie den menschlichen Umgang an den Puppen.“

Abgründe des Alltags waren schon immer bevorzugte Motive für Fotoreportagen, doch Julia Steinigeweg bedient nicht den Voyeurismus, sie legt vielmehr eine ästhetische Auseinandersetzung mit ihren Motiven vor. Das hat sie für die Ausstellung „Gute Aussichten“ qualifiziert. Zum 13. Mal werden im Haus der Fotografie die - nach Meinung einer Jury - besten Absolventen von deutschen Kunsthochschulen präsentiert. Die Hürde ist hoch: Aus 77 Einsendungen wurden sieben ausgewählt.

Mit Andreas Hopfgarten ist ein zweiter Absolvent aus Hamburg dabei. Er zeigt nicht Bilder zu einem Thema, sondern „einen Medienmischmasch“: Fundstücke, Dokumente, Bilder aus dem Familienalbum, Videos und 78 Laubsäge-Holzbäume. Er wollte mit dem Konvolut der Geschichte seiner Familie zu Leibe rücken, sagt Hopfgarten - unter besonderer Berücksichtigung der Zeit vor und nach 1945. Da gibt es ein Original-Telegramm, aufgegeben in Kiel am 13. August 1943 nach dem Hamburger Feuersturm: „Sind total bombenbeschädigt ...“, unterzeichnet von „Lilo, Thomas, Vati, Mutti“. Der Großvater war Soldat, aber war er auch Nazi? Auf einem Video hält Hopfgarten den Arm emporgereckt zum Hitlergruß, bis er nicht mehr kann.

„Hopfgartens Vorgehensweise kann als exemplarisch gelten“, bemerkt dazu Kurator Ingo Traubhorn, „denn unsere Erinnerung speist sich aus einer Vielzahl von Versatzstücken gelebten Lebens.“

„Ich wollte die Normalität der Szene zeigen“ 

Die anderen Preisträger des Wettbewerbs begnügen sich mit herkömmlichen Medien. Zum Beispiel Chris Becher aus Köln. Von seinen Schwarz-Weiß-Fotos schauen den Betrachter Männer mit verschleiertem Blick an, ihre Profession - es handelt sich um schwule Callboys - ist nur an einigen Utensilien zu ahnen. Neben den Bildern finden sich Selbstauskünfte: „Ich fühle mich, als stünde ich vor dem Sprung in ein Wasserbecken“, sagt einer der Männer vor seinem Gang in eine Bar. „Schwule Sexualität wird oft als schrille Sache beschrieben“, findet Becher. „Ich wollte die Normalität der Szene zeigen.“ Dazu wahrt er Diskretion und Distanz zu den Porträtierten.

Fast wissenschaftlich zeigt die Finnin Miia Autio, Absolventin der Fachhochschule Bielefeld, ihre Objekte: Menschen aus Tansania. Offensichtlich handelt es sich bei den großformatigen Fotos um Negative, doch etwas irritiert: Die Gesichter der Afrikaner sind schwarz. Des Rätsels Lösung: Miia Autio hat Albinos aufgenommen, denen magische Kräfte zugesprochen werden. „Variation of White“ heißt die Serie, die mit Erwartungen und Gewissheiten spielt.

„Junge deutsche Fotografie“ wollen der Wettbewerb und die Ausstellung „Gute Aussichten“ populär machen. Den Preisträgern sei große mediale Resonanz sicher, so Projektleiterin Josefine Raab.

Zweifellos haben alle Arbeiten ein beachtliches Niveau. Doch auf die Frage, was daran jung sei, weiß auch Raab nur zu antworten: „Natürlich die Fotografen.“

Info: Bis zum 1. Mai, Haus der Fotografie, Deichtorhallen, Hamburg.

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