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Kultur Fotograf Heinrich Riebesehl mit 72 Jahren gestorben
Nachrichten Kultur Fotograf Heinrich Riebesehl mit 72 Jahren gestorben
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12:01 02.11.2010
Heinrich Riebesehl, ein „bedeutender Fotografen“, von dessen „beispielhafter Präzision und Geduld“ junge Fotografen auch heute noch lernen können. Quelle: Rainer Surrey (Archiv)

Eigentlich ist da niemand. Nicht vor dem Wagen, nicht hinter dem Wagen, und auf dem Wagen stapeln sich Kartoffelsäcke. Und trotzdem entsteht so viel Leben beim Betrachten dieses Fotos, das Heinrich Riebesehl in den siebziger Jahren in seiner Serie „Agrarlandschaften“ aufgenommen hat. Die Menschen, die diesen Wagen vollgestapelt haben, scheinen gerade erst aus dem Bild und in den Feierabend gegangen zu sein. Und der Sack vorne links sieht aus, als ob er vor Erschöpfung heruntergefallen ist. Oder wollte er flüchten? Symbolisieren die zusammengepferchten Säcke auf dem Wagen Deportierte? Die vormals so triste, formstrenge Bildkomposition hält einen förmlich fest und zwingt zum Antwortenfinden auf die vielen Fragen, die sie aufgeworfen hat.

Dabei hat Riebesehl selbst seine Intentionen einmal sehr viel einfacher ausgedrückt: „Ich sehe meine Aufgabe in der authentischen und systematischen Wiedergabe meiner Umgebung.“ Damit ist der gebürtige Emsländer zu Niedersachsens wichtigstem Fotografen geworden.

Am Sonntag ist Heinrich Riebesehl nach langer Krankheit im Alter von 72 Jahren gestorben. Riebesehl fotografierte bereits während seiner Drogistenlehre für eine Lokalzeitung und begann 1963 ein Studium bei Otto Steinert an der Folkwangschule Essen. 1964 gelang ihm ein später berühmt gewordenes Foto, das Joseph Beuys mit blutigem Gesicht und einem hochgereckten Kruzifix zeigt. Während seiner Fotografenarbeit für die „Hannoversche Presse“ entstand Ende der Sechziger eine Reportage in einem Aufzug des Verlagshauses an der Goseriede 10. Die Serie wurde unter dem peniblen Titel „5 Stunden und 35 Minuten mit der Kamera im Fahrstuhl eines Verlagshauses, 20. November 1969, 10.35 bis 12.30, 13.30 bis 17.10 Uhr“ im hannoverschen Kunstverein gezeigt und weckte auch außerhalb der Landesgrenzen Interesse an dem akribischen Dokumentaristen Riebesehl.

In den siebziger Jahren verschwanden immer mehr die Menschen aus seinen Bildern. Schon in dem Projekt „Situationen und Objekte“ wandte er sich langsam den Dingen zu wie verlassenen Industrieanlagen, deren Größe und unheimliche, rätselhafte Wirkung er durch Perspektive und Kontrast ins Surreale verstärkte. Die „Agrarlandschaften“ Ende der Siebziger markierten dann den Wandel zur strengen Dokumentation. Heuballen, Pferdewagen, Silos, ein Traktor mit drohend aufgestellter Mistgabel – alles in Schwarz-Weiß.

Die Bildwirkung erschließt sich oft – ähnlich den Industrieserien von Hilla und Bernd Becher – erst im Verbund der Bilder: Durch die Riebesehl-Serie „Norddeutsche Landschaften“, die 1993 im damals frisch erweiterten Sprengel Museum gezeigt wurde, zog sich auf nahezu gleicher Höhe ein schier unendlicher Horizont. Der Fotograf stieg zum vielfach preisgekrönten Künstler auf und erweiterte die Palette seiner seriellen Umgebungsbetrachtungen: „Bahnlandschaften“, „Industrielandschaften“, „Dorfansichten“.

Doch Riebesehl kümmerte sich auch um die Entwicklung der Fotokunst. 1972 gründete er in Hannover die Fotogalerie „Spectrum“, von 1984 bis 1997 lehrte er an der Fachhochschule Hannover. Sein dortiger Nachfolger Rolf Nobel würdigte Riebesehl am Montag als „bedeutenden Fotografen“, von dessen „beispielhafter Präzision und Geduld“ junge Fotografen auch heute noch lernen könnten.

Das Sprengel Museum beherbergt Riebesehls Archiv, mehr als 3600 Fotografien und rund 15 000 Negative. 2004 zeigte das Museum die letzte große Retrospektive des Fotokünstlers. 2009 wurde Heinrich Riebesehl mit dem Niedersächsischen Staatspreis geehrt. Er konnte krankheitsbedingt die Auszeichnung nicht mehr persönlich entgegennehmen.

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