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Irgendetwas stört

Fotografie-Ausstellung in der GAF Irgendetwas stört

Bruchstellen im Alltag: Fotograf Tom Krausz zeigt in der Galerie für Fotografie in Hannover das Deutschland, wie wir es kennen – jedenfalls fast. Eine Ausstellungskritik von Uwe Janssen.

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Künstler im Zeitalter der Performance

Ein Schrottplatz, der zum Wohnzimmer wird: Die Welt von Fotograf Tom Krausz. 

Quelle: Tom Krausz

Hannover. So muss es sein in Deutschland: eine gediegene Einfamilienhaussiedlung, gepflegtes Backsteinambiente, gepflasterte Auffahrt, gemähter Rasen mit Gänseblümchen und einer stattlichen Birke, sauber gestutzte Hecke. Alles passt zusammen – wäre da nicht dieser Kampfpanzer, der so selbstverständlich auf einem Stellplatz hinter der Hecke parkt als sei es Papas Ford Mondeo.

Das ist kein Kriegsgebiet. Das ist Deutschland. Genauer: Munster in Niedersachsen, unweit eines Truppenübungsplatzes. Was einerseits ein Ansatz zur Erklärung sein könnte, die Szene aber eigentlich noch skurriler macht. Fahren die Soldaten nach dem Manöver einfach mit dem Panzer nach Hause? Und zwischendurch vielleicht noch am Supermarkt oder dem Lottogeschäft vorbei?

Von Bruchstellen und Störfaktoren

Wer die Fotos von Tom Krausz betrachtet, sollte sein Assoziationsvermögen mitbringen und eine Haltung, die das Englische so schön und kaum übersetzbar als „open minded“ bezeichnet. Es macht einfach mehr Spaß. Dabei geht es in der Ausstellung, die gerade in der Galerie für Fotografie auf dem Gelände der Eisfabrik in der hannoverschen Südstadt zu sehen ist, nicht zuvorderst um Spaß. Es geht um „Bruchstellen“, so der Titel der Schau. Störfaktoren in einem aufgeräumten Land.

Der Hamburger Fotograf ist durch Deutschland gefahren und hat geguckt. Aus dem Fenster. In die Zeitung. Um sich herum. Open minded. Er hat gesucht, was nicht passt. Und hat es gefunden. Reichlich. Die zwei kleinen weißen Holzkreuze an einer Straße, die das Bild von Feld und Wald dahinter nicht nur stören, sondern zerstören. Jeder kennt solche Kreuze, die an Verkehrstote erinnern sollen. Aber nicht aus dieser Perspektive, sondern vom Auto aus.

Denkanstöße im Alltag

Das macht das Betrachten von Krausz’ Bildern, auf denen eher selten Menschen zu sehen sind, spannend. Er zeigt uns im ruhigen, leicht queren 6x7-Format explizit das Alltägliche, an dem wir vorbeischauen, weil es eben alltäglich ist. Er hält den Alltag an und macht so das Besondere sichtbar.

Der Kreisel, der an einer Ausfahrt ins Nichts führt, weil das Projekt nicht zu Ende gebaut worden ist. Das leerstehende Geschäft inmitten einer eigentlich pittoresken Kleinstadtkulisse. Die sinnlosen Andreaskreuze, die auf einer Straße, die es nicht mehr gibt, vor einer Bahn warnen, die nicht mehr kommt. Der politische Kandidat Niclas Fischer, der, souverän vom Wahlplakat lächelnd, gleich mehrfach im Hochwasser absäuft. Oder das monströse knallrote Herz, das in einem Vorgarten aufgestellt worden ist und von einem noch viel monströseren Kraftwerkskühlturm am Ende der Straße, so scheint es, rauchend bejubelt wird.

Der Störeffekt funktioniert nicht nur in harmonischer Umgebung, das Prinzip greift auch mit umgekehrten Vorzeichen. Das umgekippte alte, bemalte, ausgeweidete Auto fällt in einer verwitterten Industriebrache mit den eingeschlagenen Fensterscheiben kaum auf. Aber der Sessel daneben verändert alles. Er macht diesen wilden Schrottplatz zu einem Wohnzimmer. So mag es Krausz. Er will die Szenen gar nicht überinterpretiert wissen. Den Zeigefinger heben wolle er nicht, sagt er und spricht lieber von „Hinweisen und Denkanstößen“. Er möchte, dass sie auf den Betrachter wirken. So wie sie auf ihn wirken. Dazu muss er die Betrachter einen Moment aufhalten, um sie auf das Ungewöhnliche des Gewöhnlichen aufmerksam zu machen. Wenn man in diesem Modus ist, tritt der gewünschte Effekt ein.

Vom Fernsehen zur Fotografie

Krausz, Jahrgang 1951, war vorher Kameraassistent beim Fernsehen. Die Zwänge hätten ihn gestört, deshalb sei er freier Fotograf geworden. Um das umzusetzen, was er im Kopf hat. Mit der Autorin Elke Heidenreich hat er einige konzeptionelle Fotobücher gemacht, über den walisischen Autor Dylan Thomas beispielsweise. Die hannoversche Ausstellung, deren voller Name „Aussichten – Bruchstellen in Stadt- und Naturlandschaften“ viel langweiliger ist als die Bilder, möchte Krausz als Hommage an den US-Fotografen Joel Sternfeld verstanden wissen, dem in den Siebzigerjahren in seiner Arbeit „American prospects“ auf ähnlich unspektakuläre, aber scharfsichtige Weise ein faszinierendes, kritisches Porträt seines Landes gelungen ist.

Ein Foto aus dieser Serie hat Krausz bei seiner Bruchstellensuche besonders inspiriert: Ein Feuerwehrmann kauft bei einem Obst- und Gemüsehändler auf einem Feld einen Kürbis, im Hintergrund löschen seine Kollegen ein brennendes Haus. Die Skurrilität wird noch dadurch gesteigert, dass die Kleidung des Feuerwehrmannes genau die Farbe der Kürbisse hat, die vor dem Laden herumliegen.

Tom Krausz’ deutsche Version dieser Konstellation sieht ähnlich aus, wenn auch nicht ganz so schräg: Die beiden Joggerinnen, die sich im Bildvordergrund angeregt und entspannt bei Sonnenschein unterhalten, während mehrere Feuerwehrleute im Hintergrund versuchen, ein brennendes Fahrzeug zu löschen. Sind wir Deutschen wirklich so?

Ausstellungstipp

Die Ausstellung ist bis zum 30. August in der hannoverschen Galerie für Fotografie, Seilerstraße 15d, zu sehen. Weitere Informationen gibt es www.gafeisfabrik.de

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