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Fotos zur sozialistischen Utopie im Sprengel Museum Hannover

Ausstellung Fotos zur sozialistischen Utopie im Sprengel Museum Hannover

Zwischen Tirana und Belgrad: Der Fotograf Roman Bezjak zeigt im Sprengel Museum, was von der sozialistischen Utopie übrig blieb. Der Fall der Mauer ist noch gar nicht so lange her – doch die Sozialistische Moderne wird jetzt schon als archäologisches Projekt bezeichnet.

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Luftige Stelzenhäuser in St. Petersburg.

Quelle: Bezjak

Hannover. Fast kann man den Eindruck gewinnen, als hätten sich die Hochhausskulpturenbewohner und Erbauer spa­ciger Kulturpaläste vor geraumer Zeit in Raumschiffen auf- und davongemacht. In den Relikten der sozialistischen Architekturmoderne zwischen Tirana und Belgrad haust heute jedenfalls ein pragmatischer Menschenschlag. Man nistet sich in den betonierten Utopien von einst so häuslich ein, wie es eben geht. Mitunter ducken sich auch im Schatten des ­bröckelnden Betonbrutalismus ärmliche Hüttendörfer – wie in Belgrad, wo sich am Fuß abgeschrägter Großbauten, der sogenannten „Drei Witwen“, eine Steppe provisorischer Bauten zwischen wild verkabelten Strommasten gebildet hat.

Die Architekturrelikte der Ostmoderne unterliegen einem interessanten Umwertungsprozess. Ihre ideologische Aufladung verblasst, ihr Verfall schreitet voran, ihre Wucht bleibt. Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die mitunter surreal wirkenden, oft aber nur schrecklich banalen Betonarchitekturen verstärkt in den Fokus von Künstlern geraten. Einer davon ist der Fotograf Roman Bezjak. Seine über mehrere Jahre hinweg entstandene, fotografisch-soziologische Spurensuche im ehemaligen Ostblock ist im Sprengel Museum Hannover in einer kleinen, sehenswerten Ausstellung mit dem Titel „Archäologie einer Zeit: Sozialistische Moderne, 2005 – 2011“ zu sehen.

Der Fotograf kam als Kind nach Deutschland

Bezjak ist 1962 in Slowenien geboren und übersiedelte noch als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland. In den Sommerferien kehrte er regelmäßig in die alte Heimat zurück – und empfand entgegen der im Westen verbreiteten Sichtweise Titos Jugoslawien keineswegs als deprimierend.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war der als Fotojournalist unter anderem für das „FAZ“-Magazin tätige Fotograf begierig, die Länder des Ostens zu bereisen. Eine Professur an der Fachhochschule Bielefeld verschaffte ihm schließlich die Möglichkeit, frei von Zwängen des Magazinjournalismus zu fotografieren. Um einen „nicht hegemonialen“ Blick auf die Ostmoderne gehe es ihm, sagt er.

Am Skanderbeg-Platz in Tirana erheben sich hohe Säulenarkaden vor dem Kulturpalast und der Staatsbank, mit denen der Stalinismus von Enver Hodscha bei der Neugestaltung des Platzes in den sechziger Jahren Stärke demonstrierte. Ein riesiges Mosaik auf der Stirnseite des Nationalmuseums zeigt eine strahlende Revolutionärin mit Flinte und roter Fahne. Der Platz davor aber ist heute ein Schlaglochacker. Aus Betonritzen wächst Gras.

Bukarests Hauptstadt sieht futuristisch aus

Nicht viel anders sieht es in Bukarest aus: Säulenfassade vor dem Nationaltheater, Hotelhochhaus, schäbige U-Bahn-Eingänge. Futuristisch mutet die Hauptpost in Skopje an, vor dem kühn verschachtelten Ministerium für Straßenbau in Tiflis prangt eine Werbung für American Express Card, und im ehemaligen jugoslawischen Verteidigungsministerium in Belgrad klaffen metergroße Granateneinschusslöcher.

Roman Bezjak blickt auf die gigantischen, das menschliche Maß sprengenden Betonkolosse als Flaneur. Er schaut auf die Moderne, die auf die Sicht aus dem Auto oder Flugzeug zugeschnitten ist, aus der Fußgängerperspektive – und vermittelt einen Eindruck davon, was es heißt, in einer gescheiterten Utopie daheim zu sein.

Sprengel Museum, bis 16. Oktober, Begleitbuch 39,80 Euro.

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