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Der besondere Respekt vor den Dingen

Fotoserie „Apokryphen“ Der besondere Respekt vor den Dingen

Mal wird eine Taschenuhr präsentiert, mal ein Zeicheninstrument zum Ziehen von Notenlinien, mal eine metallene Schelle. Kleine Utensilien sind es, in stets gleicher Weise fotografiert, immer aus demselben Blickwinkel, stets auf demselben hölzernen Untergrund.

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Die Schau besteht für Ricarda Roggan im schillernden Spiel mit der Symbolik der Dinge.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Unscheinbar sind diese Gerätschaften - und doch mächtig mit Bedeutung aufgeladen: Die Uhr hat der Philosoph Edmund Husserl einmal Martin Heidegger verehrt, das Zeicheninstrument hat Johann Sebastian Bach benutzt, die Schelle hat einst Gerhart Hauptmann geweckt.

Das sind drei der vielen Objekte, die Ricarda Roggan in ihrer neuen Fotoserie „Apokryphen“ festhält. Die hat jetzt im Kunstverein Premiere - im Rahmen der unter anderem von der Sparkassenstiftung geförderten Ausstellung „Echo“. Mit fast 120 Arbeiten ist sie die bislang größte Schau von Werken der Leipziger Künstlerin. Eine Premiere ist „Apokryphen“ auch durch das ebenso ironische wie selbstreflexive Vorgehen der 42-jährigen, längst international prominenten Vertreterin inszenierter Fotografie bei dieser Fotoserie.

Als ironisch lässt sich schon deren Titel verstehen. Apokryphen sind schließlich Texte, die nicht in den Kanon der (ursprünglich biblischen) Überlieferung eingegangen sind. Ricarda Roggan zeigt aber durchweg Objekte, die wegen ihrer Nähe zu Literaten, Philosophen oder Komponisten überliefert und vor Vergessen und Vernichtung bewahrt wurden. Isoliert, wie sie auf den Fotos gezeigt werden, mögen all diese Dinge apokryph erscheinen. Doch Ricarda Roggan dokumentiert die prominenten Nutzer der gezeigten Utensilien eigens in einem sorgsam editierten Begleitbüchlein im Kleinformat eines Reclamhefts. „Das habe ich noch nie gemacht“, sagt die Fotografin. Tatsächlich hat Ricarda Roggan bislang genau umgekehrt keine Mühe gescheut, die Objekte ihrer fotografischen Begierde aus ihrem Kontext herauszulösen. Für „Baumstück“ (2008/2009) hat sie Wipfel, für „Ausgänge“ (2011) Felsen von Gestrüpp befreit. Und für ihre großformatige Serie „Garage“ (2008) hat sie Unfallautos in einer dunklen Halle mit weichem Licht und Staubberieselung inszeniert. Da ist das Blech verbeult, die BMW-Doppelniere verbogen, der Daimler-Stern weggeknickt. Was Tempofetisch und Statussymbol war, wird hier zum bloßen Ding entzaubert - und zugleich als solches in sein (bescheideneres) Recht gesetzt. „Ricarda Roggan“, sagt Kunstvereinskuratorin Ute Stuffer, „lenkt den Blick auf die Einheit der Dinge.“

Die ist das Thema dieser Fotografin, die keine Menschen, wohl aber deren Spuren festhält. Für ihr Triptychon „Stühle und Tische“ (2003) hat sie drei Tische und 26 Stühle aus DDR-Mobiliar neu arrangiert und akribisch rechtwinklig abgelichtet. Ob diese Arrangements als aussagekräftig oder als hermetisch empfunden werden, liegt indes im Auge des Betrachters, der vielleicht genau deshalb auf ihren Fotos nicht vorkommt. „Ich würde nie einen Menschen fotografieren können“, sagt sie - und erläutert: „Wenn da jetzt wer auf einem der Stühle säße, würde das doch den Dingen die Schau stehlen.“

Die Schau besteht für Ricarda Roggan im schillernden Spiel mit der Symbolik der Dinge. Doch mit der Serie „Apokryphen“ stellt diese Künstlerin die Frage nach dem Verhältnis von Zeichen und Bedeutung auf neuer Ebene. Bislang hat sie die Objekte aus ihrem Bedeutungszusammenhang herausgelöst, jetzt stellt sie diesen Kontext durch ihre Erläuterungen erst her. Ist also das Reclamheftchen die schlichte Auflösung des Rätsels, das die 82 Fotos dieser Serie aufgeben?

Keineswegs. Ricarda Roggan und die Ausstellungsmacher des Kunstvereins zeigen auch hier besonderen Respekt vor den Dingen. Die können auf den Fotografien ohne Wortgetümmel eigene Wirkung entfalten. Denn die erklärende Legende ist nur im Begleitbuch nachzulesen - und im von Kunstvereinschefin Kathleen Rahn und ihrem Vorgänger René Zechlin gemeinsam herausgegebenen Katalog zu der Ausstellung. Die wird übrigens als Nächstes im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum zu sehen sein, das Zechlin seit dem Frühjahr leitet.

■ „Ricarda Roggan: Echo“. Bis 4. Januar im Kunstverein, Sophienstraße 2. Eröffnung heute um 20 Uhr. Künstlergespräch mit Ricarda Roggan am 5. November um 19 Uhr.

Daniel A. Schacht

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