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„Ausländerhass ist Menschenhass“

Foyergespräch mit Michel Friedman „Ausländerhass ist Menschenhass“

„Ausländerhass ist Menschenhass!“ Im Foyer des hannoverschen Schauspiels hielt Michel Friedman am Sonntag ein flammendes Plädoyer gegen gegen Rassismus, Nationalismus und Diskriminierung. Moderatorin Mely Kiyak hatte gegen den erfahrenen Kollegen keine Chance.

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Scherz lass nach: Kurz nur währte die Fröhlichkeit von Mely Kiyak – danach übernahm Michel Friedman auch die Moderation.

Quelle: Ronald Meyer-Arlt

Hannover. In das erste Fettnäpfchen patschte Moderatorin Mely Kiyak nach nicht einmal drei Minuten. Sie müsse „zwingend“ wissen, sagte sie, wie ihr Gast, der Publizist Michel Friedman, es schaffe, so schlank zu bleiben, obwohl er doch so gerne Croissants frühstücke.

Ha. Was für eine Vorlage für Friedman. Wegen des Wörtchens „zwingend“ verweigerte er die Antwort. „Ich mag nicht gezwungen werden“, sagte er, und: „Ich freue mich, dass man mich in diesem Land zu nichts zwingen kann, jedenfalls solange die AFD nicht an der Macht ist“.

Mely Kiyak, die seit Anfang des Jahres die Fragen in der Schauspielhaus-Reihe „Weltausstellung Prinzenstraße“ stellt, war danach erstmal still. Und zwar für ziemlich lange. Sie überließ es Friedman sich gewissermaßen selbst zu moderieren. Das kann er. Der Moderator, Politiker und Publizist nutzte seine reich bemessene Redezeit in der Sonntagsmatinee für ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Rassismus, Nationalismus und Diskriminierung und für ein Bekenntnis für politische Streitkultur, Einmischung Angstüberwindung.

„Ich lernte Deutsch, damit ich mich streiten kann“, sagt er und entwickelte im Verlauf der Matinee eine Art Philosophie des Streitgesprächs. Nur im Gespräch sei es möglich, den anderen zu erreichen. Und wenn es nicht das Gegenüber ist, dann ist es eben ein Zuhörer oder Zuschauer, dem die Argumente zu denken geben müssten.

„Ausländerhass ist Menschenhass“, sagte Friedman und konstatierte, dass im Moment gerade die Menschenhasser dabei seien, die Debattenhoheit zu übernehmen. Die anderen, die aufgeklärten Menschenfreunde, seien „seltsam müde“ und „ein bisschen gelähmt“; sie würden es hinnehmen, dass sich die Schamgrenze verändert hat und es einfach so wieder möglich ist, nationale Parole zu rufen. Es komme, so Friedman aber gerade darauf an, sich nicht in seiner Gemütlichkeit einzurichten, sondern aufzustehen und sich gegen Rassismus zu engagieren. Friedman sagte Sätze zum Mitschreiben. Gute, richtige Sätze wie: „Jeder von uns ist verantwortlich für das, was er getan und auch für das, was er nicht getan hat.“ Oder: „Es geht um unsere Freiheit zu denken und zu sagen, was wir wollen“. Oder: „Die Angst vor dem Fremden ist die Angst vor dem Fremden im mir.“ Oder: „Ich erwarte von jedem Menschen, dass er aus seiner Komfortzone heraustritt“.

In einem flammenden Appell forderte er das Publikum zum Widerspruch auf, etwa wenn jemand sagen würde, dass Flüchtlinge nicht Menschen wie wir seien. Mitreißen kann Michel Friedman. Sein Engagement ist glaubwürdig – und es bleibt es selbst dann, wenn man bemerkt, dass er zuweilen mit sprachlichen Versatzstücken operiert. Zweimal sprach er von der Stunde Null und dass es davor ja wohl keine Minuszeit gegeben haben könne.

Die Moderatorin versteckte sich während ihr Gast sprach meist hinter ihren Aufzeichnungen. Am Ende flüchtete sich ins Kabarett und spielte, als Friedman Bundeskanzlerin Merkel für ihre Flüchtlingspolitik lobte, die Eifersüchtige. Da war ein deutliches Murren im Publikum zu hören. Für Michel Friedmann aber gab’s nach jedem klugen Satz Zwischenapplaus. Also ziemlich oft.

Am Sonntag, 10. April, ist der Kabarettist Serdar Somuncu bei Mely Kiyak in der Reihe „Weltausstellung Prinzenstraße“ des Schauspiels Hannover zu Gast. Für Abonnenten ist der Eintritt frei. Sonst kostet er elf, ermäßigt acht Euro.

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