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Beim Stück „Das weiße Stottern“ muss das Publikum ans Telefon

Pavillon Beim Stück „Das weiße Stottern“ muss das Publikum ans Telefon

Die Fräulein Wunder AG hinterfragt im Pavillon weißes Selbstverständnis und telefoniert mit dem Publikum.

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Lustige Weiße: Die Fräulein Wunder AG im Pavillon

Quelle: Tobias Jall

Hannover.  Vor zwei Jahren sorgte der Fall Rachel Dolezals in den USA für eine hitzige Debatte um kulturelle Aneignung, weiße Privilegien und Rassismus: Eine weiße Frau hatte jahrelang mit der Identität einer Afroamerikanerin gelebt und sich damit Vorteile in entsprechenden Gemeinschaften verschafft. Sie fühle sich als Schwarze, so die von ihren Eltern enttarnte Dolezal. „Das brachte unsere Synapsen zum Knallen“, sagt Verena Lobert vom Theaterkollektiv Fräulein Wunder AG in der Performance „Das weiße Stottern“ auf der Bühne des Theater im Pavillon: „Wir waren fasziniert und herausgefordert.“ Gemeinsam mit den Kolleginnen Melanie Hinz und Marleen Wolter präsentiert sich Lobert dem Publikum als Studienobjekt in einem „ethnografischen Beobachtungsaufbau“.

Als Weiße aus kleinbürgerlichen Verhältnissen seien sie alle drei geeignete Forschungsobjekte für Fragen wie: „Worin drückt sich Weißsein aus?“ Weiße seien ja normalerweise unter Weißen unsichtbar und sich ihrer Privilegien gar nicht bewusst. „Wir beginnen zu stottern, wenn wir erklären sollen, was unser Weißsein ausmacht“, erläutern die Theatermacherinnen den Titel ihrer Performance. Sie stünden mit ihrer Auseinandersetzung wiederum in einer weißen Forschungstradition. Also machen sie sich selbst zur Feldstudie und ihr Publikum zu teilnehmenden Beobachtern. Jeder Blick auf Bühne und Tribüne wird so mehrfach gewendet und sorgsam reflektiert.

 Zu Beginn soll jeder Zuschauer eine Nummer in Berlin anrufen und in einem Telefonmenü seine Erwartungen benennen. Zerstreuung steht zur Wahl, Aufklärung, Widerstand, Kunstfreiheit oder Schmerz. Die Fräulein Wunder AG nähert sich ihrem komplexen, bislang auf Bühnen kaum verhandelten, Thema mit subtilem Humor. In einer Vitrine machen sich die Darstellerinnen mit ihren Geschichten und Ansichten immer wieder zu Museumsexponaten. Ein von der Bühnendecke hängender Leuchtkasten behauptet: „Deutungshoheit“. 

 Die Performerinnen gehen an ihr Thema einerseits mit wissenschaftlichem Ernst heran. An Kompetenz mangelt es nicht: Hinz setzt sich als Professorin an der Fachhochschule Dortmund mit kultureller Darstellung von Geschlechtern auseinander. Ob nicht Rassenzugehörigkeit genauso als selbständig zu konstruierende Identität betrachtet werden könne wie Geschlechterzuordnung, fragt sie. 

„Das weiße Stottern“ lebt von einer lebendigen, anschaulich inszenierten Auseinandersetzung, die sich nicht scheut, in schneller Folge Bühnenhaltungen zu wechseln. Richtig mutig wird die Performance aber, wenn sie sich dem diskursfreudigen Publikum ausliefert, das aufgefordert ist, mit Fragen und Anmerkungen zu intervenieren. Das Risiko macht sich bezahlt, den Wortmeldungen folgen spontane Positionierungen der Darstellerinnen, die zu Vertiefung und Verständnis beitragen. Ist Identität ein Gefühl? Ist der Traum vom Leben ohne Rassenkategorien rassistisch? Viele Fragen müssen offen bleiben: „Weißsein gerät gerade erst in Versprachlichungsprozesse.“

 Etwa 90 Minuten nach dem Ende der Performance klingeln die Telefone der Zuschauer, von denen die meisten vermutlich schon zu Hause sind. Sie werden abschließend nochmal mit jenen vernetzt, die anfangs die gleichen Erwartungen formuliert haben. Es ist ein dezentrales Nachgesprächsangebot. Doch keiner sagt etwas. Vielleicht braucht es für solche Diskurse eben doch die Bühne, die Gemeinschaft, die körperliche Anwesenheit. Das Misslingen der Konferenzschaltung wird zum starken Argument für das Theater als Ort der Auseinandersetzung.

Das Stück ist nochmal am heutigen Freitag und am Sonnabend, 9. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr.“

Von Thomas Kaestle

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