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Wenn das Theater zur Wanderung wird

Fräulein Wunder AG mit neuer Produktion "Wegefreiheit" Wenn das Theater zur Wanderung wird

Theater als fünfstündiger Wanderausflug: Mit ihrer neuen Produktion "Wegefreiheit" präsentiert die Fräulein Wunder AG ein Stück, das zugleich eine zwölf Kilometer lange Wanderung durch die Stadt ist.

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Auch so kann Sinnfreiheit aussehen: Die Fräulein Wunder AG am Lindener Küchengarten.

Quelle: Moritz Küstner

Hannover. Im Foyer des Pavillon ist Theater noch Theater. Das hannoversche Kollektiv Fräulein Wunder AG begrüßt zu seiner neuen Produktion „Wegefreiheit“ sein Publikum mit einstudierten Texten. Dann wird Proviant verteilt. Denn das Stück ist eine gemeinsame Wanderung durch die Stadt, etwa zwölf Kilometer und fünf Stunden lang. „Aus dem Alltag herauslaufen“ nennt die Truppe die erste Etappe durch die Innenstadt, schweigend, ohne Uhr oder Stadtplan. Das klingt simpel. Und doch verschieben sich in kurzer Zeit wesentliche Dinge. Zunächst ist dieser Beginn nämlich ein Schritt in den Alltag hinein, über die Schwelle des etablierten Kulturraums. Gemeinsam mit den kostümierten Theatermachern wird das Publikum zu Performern in einem Demonstrationszug für den Müßiggang. Inklusive selbst gebautem Gefährt, halb überdimensionaler Bollerwagen, halb mobile Theatergarderobe.

Darum geht es in „Wegefreiheit“: sich von Zwecken und Erwartungen frei zu machen, nicht produktiv sein zu müssen. Um eine „Deeskalation des Ehrgeizes“, wie die Performer es nennen. Die Aufteilung der Lebenszeit in Arbeit und Freizeit ist ein Modell von gestern. Zu sehr haben sich Arbeitsformen und damit ganze Lebensentwürfe verändert. Die Fräulein Wunder AG legt ihre Auseinandersetzung damit auf ihrem Weg durch Hannover wie eine Folie über die Stadt. Scheinbar beliebige Orte werden mit Bedeutung, Bezügen und Geschichten aufgeladen. So entstehen neue Ebenen der Lesbarkeit. Ausgerechnet der Weidendamm wird zum „lebendigen Museum der Arbeit von heute“, in dem sich Megatrends wie Digitalisierung, Flexibilität oder Vernetzung hinterfragen lassen. Die Theatermacher zeigen, wie sich mit großer Liebe zum Detail, einem umherschweifenden zweiten Blick und entfesselter Fantasie Ungewöhnliches entdecken lässt. Und wie Gewöhnliches zum Teil einer Erzählung werden kann. Diese Lust an der verschobenen Wahrnehmung überträgt sich auf das Publikum, das längst durch geschickt integrierte Entscheidungsprozesse, Handlungsanweisungen und Identifikationsangebote aktiver Teil der Gruppe geworden ist.

Zufällig geraten so plötzlich Botschaften zum Thema ins Blickfeld, die sonst als Teil des vielstimmigen Stadtraums übersehen worden wären. Jeder assoziiert im Vorbeigehen anderes. „Weiter“ fordert zum Beispiel eine Autowerbung, „Service“ und „Druck“ kombiniert ein Copyshop und „Exit Capitalism“ propagiert ein Plakat. Die Aufmerksamkeit wächst zunehmend, aber langsam. Dabei vergeht die Zeit erstaunlich schnell angesichts ständig wechselnder Theaterformen. Lectures, Spiele, Aufgaben, Kleingruppen, Manifeste, Brainstormings und wildes Herumspinnen verschwimmen in „Wegefreiheit“ zum Gesamterlebnis. Dazu zählen auch Gespräche unterwegs. Was arbeiten die anderen? Was brauchen sie dafür? Wie bewegen sie sich durch die Stadt? Wie langsam ist langsam? Und angesichts der beeindruckenden Baustelle des „Hafven“, eines geplanten Co-Working-Space in der Nordstadt, der mit bis zu 1000 Mitgliedern einer der größten offenen Arbeits- und Büroräume für Freiberufler in Deutschland werden soll, kommt die durchaus wesentliche Frage auf: Wie wichtig ist es, bei der Arbeit auch mal ungestört in der Nase popeln zu können?

Jede Wanderung mit der Fräulein Wunder AG ist anders, abhängig von den Teilnehmern, der Stadt, aber auch den Launen der Performer. Das Ende ist nicht festgelegt. Oder, wie Michael Kranixfeld beiläufig bemerkt: „Jeder findet seinen eigenen Weg durch die Stadt, es kommt nur darauf an, wo man abzweigt.“

Manches erscheint unterwegs müßig. Gäbe es ein Ziel, es wäre erreicht. Und beim Applaus am Ende ist das Theater dann doch wieder ein wenig Theater.

Weitere Termine am 20., 21., 27. und 28. August sowie am 10., 11., 24. und 25. September, jeweils um 15 Uhr. Start beim Pavillon. Kartentelefon (05 11) 2 35 55 50.

Thomas Kaestle

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