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Kultur „... möchte ich eine Hure sein“
Nachrichten Kultur „... möchte ich eine Hure sein“
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00:26 26.07.2014
Mit der „Lulu“ schuf der Dichter Frank Wedekind eine der schillerndsten und zugleich geheimnisvollsten Frauenfiguren des Theaters. Quelle: dpa
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In einer körperfeindlichen Zeit verkündete er: „Das Fleisch hat seinen eigenen Geist.“ Er forderte Sexualkundeunterricht an Schulen und stellte in seinen Theaterstücken die Scheinmoral der wilhelminischen Epoche radikal infrage: Am 24. Juli 1864 wurde Frank Wedekind als Benjamin Franklin Wedekind in Hannover geboren. Benannt nach dem Gründervater Amerikas wurde er selbst zum Freigeist. In seinem bekanntesten Drama „Frühlings Erwachen“ (1891), in dem Pubertierende „aus Versehen“ ein Kind zeugen und ein gescheiterter Schüler sich umbringt, schrieb er unverblümt über die Nöte von Heranwachsenden. Sogar Sigmund Freud äußerte sich anerkennend. Bis heute hat das Stück Hochkonjunktur auf deutschen Bühnen, die Inszenierungen von Michael Thalheimer und Peter Zadek sind in die Theatergeschichte eingegangen.

Die Männerfantasie der „Femme fatale“, die während des Fin de Siècle in Mode war, karikierte Wedekind in seinen Fortsetzungsdramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“, die Alban Berg zu der Oper „Lulu“ zusammenfasste. So heißt die Protagonistin, die den Männern als Projektionsfläche dient und von ihnen wie ein Zirkuspferd dressiert wird. Nachdem sie drei Ehemänner in den Tod getrieben hat, muss sie sich als Prostituierte verdingen. Das Motiv der käuflichen Liebe faszinierte Wedekind. Er notierte: „Wenn ich nicht Frank Wedekind wäre, möchte ich eine Hure sein.“

So ambivalent wie die Geschlechterverhältnisse in seinen Stücken war auch Wedekinds eigenes Verhältnis zu Frauen, wie sein Enkel Anatol Regnier in der Biografie „Frank Wedekind. Eine Männertragödie“, in Anspielung auf den Untertitel von „Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie“, schreibt. Aus Wedekinds zahlreichen Affären ging der Sohn Fritz, gezeugt mit der Ehefrau August Strindbergs, hervor. Auch das Verhältnis zur 20 Jahre jüngeren Ehefrau Tilly Newes, einer Schauspielerin, war spannungsgeladen und schwankte zwischen Eifersucht und Bindungsangst.

In dem Essay „Über Erotik“ wünscht Wedekind sich die „Erörterung von Sexualität als Geistesgymnastik“, in der Kurzgeschichte „Feuerwerk“ erzählt er, wie ein Verliebter nach vielen erotischen Abenteuern zum Brandstifter wird. Die Thematisierung der Abhängigkeit des Menschen von seinen Trieben und seiner sozialen Position stellt Wedekind in eine Tradition mit Georg Büchner, ebenso die Auflösung klassischer Gattungen in der Tragikomödie. Lulu ist als von ihrer Umwelt fremdgesteuertes Wesen, das unverschuldet Leid über die Mitmenschen bringt, eine Art weiblicher Woyzeck.

Den damals populären Naturalismus verachtete Wedekind als unkritische Nachahmung, die Nobelpreisehrung des Kollegen Gerhart Hauptmann im Jahr 1912 veranlasste ihn zu heftigen Wuttiraden. In seinen Texten kombinierte Frank Wedekind surrealistische, paradoxe und groteske Elemente und wurde so in formaler Hinsicht zum Bahnbrecher der modernen Literatur. Immer wieder kam ihm dabei der Zensurrat in die Quere.Wedekinds Familiengeschichte klingt abenteuerlich: Sein Vater, ein Gynäkologe, war nach der gescheiterten Märzrevolution von 1848 nach San Francisco ausgewandert, heiratete dort eine Vaudeville-Sängerin und machte während des Goldrausches ein Vermögen. Später verbrachte er zehn Jahre im Dienste des Sultans in der Türkei. Wedekinds Großvater mütterlicherseits war Mausefallenhersteller und gilt als Erfinder der Phosphorstreichhölzer. Wedekind kam 1884 nach München und brach sein Jurastudium ab, um Chefwerbetexter für Maggi zu werden. Die industrielle Suppenwürze pries er als „Ambrosia, Gericht der Götter“. 1896 war er Mitbegründer der satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“. Ein Spottgedicht auf Kaiser Wilhelm zwang ihn zwei Jahre später zur Flucht nach Paris. Dort führte er ein Leben mit wechselnden Liebschaften, wie sein Tagebuch belegt.

1906 ließ er sich mit Tilly in München nieder, mit ihr hatte er zwei Töchter. Wedekind stand auch selbst immer wieder als Schauspieler auf der Bühne, Zeitgenossen rühmen sein imposantes und vitales Erscheinungsbild. 1918 starb er infolge einer Blinddarmoperation. Die letzte Ehre erwiesen ihm neben Künstlern wie Bertolt Brecht auch Damen aus dem Rotlichtmilieu. So wurde noch seine Beerdigung zum Skandal.

Von Nina May

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