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Frankreichs bedeutendster Verlag feiert seinen 100. Geburtstag

Gallimard Frankreichs bedeutendster Verlag feiert seinen 100. Geburtstag

Gallimard, Frankreichs bedeutendster Verlag, feiert seinen 100. Geburtstag. Als „Seele von Paris“ hat Bertrand Delanoe den Gallimard-Verlag gepriesen. Wenn ein Bürgermeister einen Betrieb mit 1300 Mitarbeitern und 300 Millionen Euro Umsatz zur Seele der Stadt erklärt, möchte man Phrasenalarm ausrufen. Aber das mit der Seele ist gar kein so schlechter Vergleich.

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Einige berühmte Gallimard-Autoren: Antoine de Saint-Exupéry, Ernest Hemingway, Albert Camus (Foto), Joanne K. Rowling, Marcel Proust, Mario Vargas Llosa und Marguerite Duras.

Quelle: dpa

Entzieht nicht auch sie sich jeder exakten Definition? Das geistige Universum, das nach dem 1911 verzeichneten Urknall um das Verlagshaus entstanden ist, tut das auf alle Fälle.

Nur die Begrenzung auf Paris ist falsch. Sie zeugt vom Wunschdenken eines Lokalpolitikers, der seine Stadt im Glanz des bedeutendsten französischen Verlagshauses erstrahlen lassen möchte. Seele der Welt, das wäre es schon eher gewesen. Aber das hätte selbst im weinseligen Ambiente der vom Gründerenkel Antoine Gallimard Mitte der Woche ausgerichteten Hundertjahrfeier kitschig geklungen, bei der Delanoe das Wort ergriffen hatte.

Ein Kristallisationskern weltweiten Geisteslebens ist Gallimard heute. Von Marcel Proust über Albert Camus und Jean-Paul Sartre, William Faulkner und Ernest Hemingway bis hin zu Milan Kundera, Mario Vargas Llosa oder auch Jonathan Littell: Nicht alle, aber fast alle großen Schriftsteller haben früher oder später hier angeheuert. 36 Literaturnobel- und 35 Goncourtpreisträger hat das Familienunternehmen an sich gebunden. Aber auch Namen, die nur Eingeweihten etwas sagen, wie jener Ibn Khalduns, eines tunesischen Philosophen des 14. Jahrhunderts, finden sich im Katalog.

Für dieses Jahr erwartet der Verlag 6000 Manuskripte. Lektorenkomitees werden sich über die Texte beugen, sie mit kleinen Ziffern versehen, die große Folgen haben können: 1 heißt unbedingt veröffentlichen, 3 unbedingt zurückweisen.

Als Proust zu Gallimard wechselte, löste das einen wahren Sog aus. Vertraglich anderweit gebundene Autoren liefen zu dem Verlag über. Louis Brun, Chef der „Éditions Bernard Grasset“, war über den Aderlass im eigenen Hause so erbost, dass er 1928 zur Feder griff und seinem Ärger in einem Brief an Gaston Gallimard Luft machte: „In aller Freundschaft sage ich Ihnen, mein lieber Freund“, schrieb Brun, „ich will nicht Ihre Autoren übernehmen, aber ich bitte Sie, werben Sie auch nicht unsere ab!“

Was nicht heißt, dass die Geschichte Gallimards eine einzige Erfolgsstory wäre. Dem Urknall folgte die große Ungewissheit. Der Urknall, das war 1911 die Gründung eines Verlags mit dem in dieser Radikalität zuvor noch nie erhobenen Anspruch absoluter Unabhängigkeit. „Kann ein kommerzielles Unternehmen davon leben, ausschließlich exzellente Werke herauszubringen?“, lautete die von Paul Claudel bereits 1910 formulierte und vom theaterbesessenen Verlagsgründer Gaston Gallimard dann kühn mit Ja beantwortete Frage.

Es kann, wenn eine strikte Rollenteilung gewahrt bleibt, versicherte der ­Patriarch, wenn Poeten nicht an den Schalthebeln des Kommerzes herumfingern und die Kaufleute sich nicht ins Literarische einmischen. Keinerlei inhaltliche Vorgaben wollte der Herausgeber machen. Allein Freigeist sollte walten, schriftstellerisches Genie. Was nicht heißt, dass der belesene, aber schreiberisch gänzlich unerfahrene Sohn eines Kunsthändlers tatsächlich gewusst hätte, wie das Abenteuer enden würde. Das heutige Gallimard-Universum war nicht einmal in Ansätzen zu erkennen. Allein die Gesetze, nach denen es sich bilden sollte, standen fest. Und einen heraus­ragenden Talentscout gab es bereits: den Schriftsteller und bekennenden Homosexuellen André Gide.

Knapp drei Jahrzehnte später folgte, was in einer von Frankreichs Nationalbibliothek noch bis zum 3. Juli gezeigten Gallimard-Jubiläumsausstellung mit „Die düsteren Jahre – 1939 bis 1945“ überschrieben ist. Die deutschen Besatzer verlangten angesichts des „zersetzenden Charakters“ der von Gallimard herausgegebenen Literatur Garantien, die sie zunächst allerdings nicht be­kamen. Die Nazis zogen Konsequenzen, ließen den Verlag am 9. November 1940 schließen.

Zwei Wochen später handelte Gaston Gallimard mit den Zensoren einen Kompromiss aus. Er versprach, sich prodeutscher Literatur zu öffnen, kündigte jüdischen Mitarbeitern und durfte weiterarbeiten. Dem als Hort des Freigeists gegründeten Haus haftete fortan der Makel der Kollaboration an.

Es folgten lichtere Jahre, in denen sich die Hypothese des Verlagsgründers ein ums andere Mal als richtig erwies: Eine gut geölte Verkaufsmaschinerie gewährleistet den kommerziellen Erfolg und damit verlegerische Freiheit. Natürlich hat auch J. K. Rowling bei Gallimard unterschrieben. Ihre „Harry Potter“-Saga hat 325 Millionen Euro in die Verlagskassen gespült, womit die finanzielle Unabhängigkeit zum Jubiläum geradezu märchenhafte Ausmaße erreicht hat.

Axel Veiel

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