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Kultur Friedrich der Große war ein Tierfreund
Nachrichten Kultur Friedrich der Große war ein Tierfreund
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18:21 29.06.2012
Von Simon Benne
Hunde wollt’ er ewig loben: Windspielfreund Friedrich II. auf der Terrasse von Sanssouci, nach einer Gouache von Georg Schoebel. Quelle: dpa
Hannover

Seine geliebte Alcmène war schon krank, als der König ins Manöver nach Schlesien zog. Täglich ließ sich Friedrich der Große von seinen Kammerhusaren Bulletins über ihren Zustand schicken. Als ihm schließlich Alcmènens Tod gemeldet wurde, brach er die Reise erschüttert ab und eilte zurück nach Sanssouci. Da es Hochsommer war, hatte man den Leichnam bereits der kühlen Gruft übergeben. Doch Friedrich ließ ihn wieder aus dem Grab holen und in seiner Bibliothek aufbahren, wo er viele Tränen um seine Gefährtin weinte. Alcmène war seine Lieblingshündin gewesen.

Zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs ergießt sich in diesem Jahr eine wahre Flut von Publikationen auf den Buchmarkt. „Friedrich der Große – Vom anständigen Umgang mit Tieren“ schließt dabei eine Lücke, von der viele gar nicht wussten, dass es sie gab. Der Band entdeckt Friedrich II. als Tierfreund. Autor ist der Historiker Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, laut Klappentext „der unmittelbarste Nachfahre“ des Alten Fritz. Kenntnisreich hat er diverse tierische Anekdoten über seinen Ahnen zusammengetragen und in einen geistesgeschichtlichen Horizont gestellt. Erschienen ist das von seiner Frau Sibylle Prinzessin von Preußen illustrierte Buch im Matrix Media Verlag des Welfenprinzen Heinrich von Hannover - es ist sozusagen ein aristokratischer Brückenschlag über die Gräben hinweg, die der hannoversch-preußische Krieg von 1866 aufgerissen hat.

An Europas Höfen hatten Tierquälereien lange zu den öffentlichen Belustigungen gehört. In Paris etwa delektierten sich die Spitzen der Gesellschaft daran, Katzen lebendig zu verbrennen: Man hing sie an einem Gerüst in einem Sack auf, entzündete darunter ein Feuer und ergötzte sich an ihren Schreien. Als junger Kronprinz musste Friedrich seinen Vater zu Hetzjagden begleiten. Geriet der brutale Soldatenkönig dabei in Rage, feuerte er bis zu 600 Schüsse an einem Tag ab. Dem empfindsamen Friedrich hingegen war es ein Gräuel, „arme unschuldige Geschöpfe zu töten, die nichts verbrochen haben“, wie er in einem Brief schrieb.

Seine Tierliebe war so gesehen eine Facette des wohl berühmtesten Vater-Sohn-Konfliktes der deutschen Geschichte. Aber sie hatte auch eine philosophische Note: Denker wie Rousseau verkündeten ein neues Bild der Natur; Tiere galten ihnen als Geschöpfe mit Herz und Leidenschaften. Isaac Newton hatte geschrieben, nur derjenige sei ein wahrer Philosoph, der auch Mitgefühl für die Kreatur empfand. Ähnlich wie er sah auch Friedrich Tiere als beseelte Mitgeschöpfe an. Da taugt der alte Preußenkönig durchaus zur Galionsfigur der modernen Tierschutzbewegung. Der Monarch, der die erste tiermedizinische Ausbildungsstätte in Brandenburg-Berlin konzipieren ließ, mutet in den derzeitigen Debatten um Tiertransporte oder Vegetarismus merkwürdig aktuell an.

Als sein Äffchen Mimi („die treue Gefährtin meiner Zurückgezogenheit“) in Rheinsberg ausgerechnet das Buch eines Autors, der Tiere eher gering achtete, mit einer Kerze in Brand steckte, scherzte er nur: Mimi habe wohl „dem Gott des Feuers ein Buch opfern wollen, das seine Gattung in Misskredit bringt“. In seiner programmatischen Schrift „Antimachiavell“ rechnete er mit der Jagd ab. Er beklagte, „dass wir grausamer und wilder als die Tiere selbst sind und dass wir unsere vorgebliche Herrschaft auf eine sehr tyrannische Art ausüben“.

Mit viel Sympathie beschreibt Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen die Tierliebe seines Ahnen. Allerdings ließe sich eines ergänzen: Oft schwingt in den Äußerungen Friedrichs nicht nur etwas von der paternalistischen Haltung des aufgeklärten Absolutismus mit, sondern auch ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Menschen. „Biche hat gesunden Verstand und Auffassungsgabe“, schrieb er in einem Brief über eine Hündin, „ich sehe täglich Menschen, die sich weit weniger folgerichtig benehmen als sie.“ Wenn es um Tiere ging, erlaubte sich Friedrich jene Zärtlichkeit, die ihm Menschen gegenüber abging.

Seine als besonders empfindsam geltenden, ständig zitternden Windspiele wärmte er bei Ausritten unter seiner schützenden Weste am Körper. Sein Leibpferd Condé durfte in den Räumen des Schlosses frei herumlaufen - der König nahm es gar in Kauf, dass die Hufe die Bodenfliesen beschädigten. Vor allem aber war er ständig von Hunden umgeben. Sein Favorit „schlief des Nachts bey Ihm im Bette“, notierte der Gymnasial-direktor Anton Friederich Büsching pikiert: Die Hunde dürften die Sitze beschmutzen, Friedrich füttere sie bei der Tafel und lasse sie von Bediensteten umsorgen: „Der König erlaubte ihnen alles.“

Die Tiere, urteilt Buchautor Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, verkörperten Friedrichs eigene Sensibilität. Der Sohn eines despotischen Vaters, erfüllt von Misstrauen gegen die allgegenwärtigen Hofschranzen, fand bei den Tieren jene Aufrichtigkeit, die er bei Menschen vermisste. Am liebsten zog der vereinsamte Mann sich in sein selbst geschaffenes, von Affen, Pferden, Papageien und Hunden bevölkertes Reich zurück. Der zynische Tierfreund Friedrich erinnert da in frappierender Weise an den zynischen Tierfreund Michael Jackson: Was dem König von Preußen sein Sanssouci, war dem King of Pop sein Neverland.

Von beiden darf man wohl sagen, dass sie unglücklich starben. Friedrichs Wunsch war es, auf der Schlossterrasse beigesetzt zu werden, an der Seite seiner Hunde. Auf dem Sterbebett soll er sich 1786 noch um seine Hündin Superbe gesorgt haben. Er befahl, die Zitternde gut zuzudecken. Eine Stunde später war er tot.

Sybille und Friedrich Wilhelm von Preußen: „Friedrich der Große – Vom anständigen Umgang mit Tieren“. Matrix Media Verlag. 101 Seiten, 19,90 Euro. Autoren und Verleger stellen das Buch am 5. Juli, 17 Uhr, in der Leibniz-Bibliothek Hannover vor. Besucher werden um Anmeldung unter (0511) 1267303 gebeten.

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