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Fritz Kalkbrenner in Swiss Life Hall Dies ist hier, dies ist jetzt

Mit Hymne und Kniesschmerzen: Fritz Kalkbrenner spielt in der Swiss Life Hall. Und das Publikum ist selig. Sofort. Als Kalkbrenner um 21.33 Uhr das erste Mal den Bassregler aufdreht, steigt die Temperatur im Saal schlagartig um mindestens fünf Grad.

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Dreht den Bass auf: Fritz Kalkbrenner.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. In Zukunft sagen wir gar nichts mehr zu den Leuten, die Hannover für provinziell erklären. Wir schweigen einfach. Und wenn Fritz Kalkbrenner das nächste Mal kommt, nehmen wir diese Leute an der Hand und zeigen ihnen die Schlange vor der Swiss-Life-Hall, die gefühlt bis zum Stadion reicht. Wir nehmen sie mit ins Foyer, wo 70 Minuten vor Beginn des Konzerts kein einziger Garderobenhaken mehr frei ist. Und draußen ist immer noch Schlange. Wir lassen sie das Publikum anschauen, wild, fröhlich, alles dabei von unter 20 bis über 60, von fast nackt (besserer BH) bis grauer Anzug. Und dann geht’s in den Saal. Und wenn diese Leute um sieben Minuten vor Mitternacht mit glänzenden Augen wieder rauskommen, wissen wir, dass das blöde Provinzgerede nie wieder Thema sein wird.

Fritz Kalkbrenner war früher nur der kleine Bruder des Musikers Paul Kalkbrenner. Das ist jetzt beinahe umgekehrt. Der Techno-DJ und -Produzent und -Songschreiber Fritz hat eine Raketenkarriere in der Szene hingelegt. Das Muster der Stücke ist relativ ähnlich: Gezirpe, Gewisper, elegische Klänge, dann die nachgemachte Hi-Hat; schließlich, wumm, wumm, wumm, wumm!, knallen die Bässe los. Das geht, bis die Kniescheiben im Viervierteltakt schmerzen, kleine Lufthol- und Selfie-Pause mit Gezirpe, dann wieder: Wumm, wumm, wumm, wumm! Manchmal: wummwumm wumm.     .

Die Bilder zum Konzert von Fritz Kalkbrenner in der Swiss Life Hall

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Und das Publikum ist selig. Sofort. Als Kalkbrenner um 21.33 Uhr das erste Mal den Bassregler aufgedreht hat, ist die Temperatur im Saal um mindestens fünf Grad gestiegen. Die Leute tanzen, als hätten sie seit Wochen drauf gewartet (haben sie vielleicht auch), singen mit bei Hits wie „Void“ oder „Back Home“ oder der Hymne „Sky and Sand“. Techno-Fachleute attestieren Kalkbrenner überdurchschnittliche Performerqualitäten, und tatsächlich tanzt der Mann den ganzen Abend über genauso viel wie sein Publikum, und mit ebensolcher Freude, und es macht alles einfach nur Spaß. Einziges Manko: Kalkbrenners Stimme, die ein eher weiches, leicht melancholisches Timbre hat, klingt in der Swiss-Life-Hall, als würde sie durch einen Bontempi-Vocoder gepresst.    

Egal. Hier ist Party. Ganz früher war Techno Maschinenmusik, Männersache. Das hat sich eindeutig geändert. Gut, es gibt Bierbäuche, über die sich T-Shirts mit Pin-ups spannen (was den Pin-ups nicht bekommt). Aber die Frauen geben den Ton an. Alle. Damen im Pensionsalter mit unleugbar rattenscharfen Glitzertops. Mädels, die die Zeigefinger zur Saaldecke recken und ihre Nachbarn herzen, und ihre Freunde müssen sich echt Mühe geben, mit auf den Smartphone-Schnappschuss zu kommen. Manche sind angeschickert, manche Schlimmeres, manche riechen, als hätten sie sich kurz vor Geschäftsschluss einmal durch die Douglas-Auslage gerollt. Auch egal. Berlin calling? Sicher. Immer irgendwie. Und natürlich kommt Kalkbrenner aus Berlin. Aber dies ist hier, dies ist jetzt. Und jetzt ist Kalkbrenner hier. Und wir sind das auch.

Am 11. Dezember wird in der Swiss-Life-Hall die Michael-Jackson-Show „Thriller“ gezeigt.

Von Bert Strebe

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