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Fritzi Haberlandt kehrt nach Hannover zurück

Das große Interview Fritzi Haberlandt kehrt nach Hannover zurück

Die Schauspielerin Fritzi Haberlandt spricht im großen Interview über ihre Anfänge in Hannover, ihren Humor, ihre Autofahrkünste und über Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“, den sie am Sonntag
im Schauspielhaus vorstellt. 

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Hannover. Andere müssen ziemlich lange darauf warten, Sie wurden von der Schauspielschule damals quasi weg engagiert. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Das kann ich mir natürlich gar nicht erklären. Bis heute bin ich dafür sehr dankbar, aber es bleibt so ein gewisses Rätsel. Es kam doch recht überraschend, weil ich auf der Schauspielschule so gar nicht zu den Überfliegern gehörte. Ich weiß es nicht.

Ihr erstes Engagement vor 17 Jahren war Hannover. Da hatten Sie schon mit Robert Wilson gearbeitet, drehten mit Rainer Kaufmann gerade einen Film und hatten die Aussicht, in der nächsten Spielzeit am Thalia Theater in Hamburg anzufangen. Wieso kamen Sie überhaupt noch hierher?

Ich hatte mehrere Angebote und musste mich entscheiden – das erste Mal im Leben eine große Entscheidung. Letztlich war es Intuition, weil ich mich in Hannover sehr wohlgefühlt habe, als ich die Gespräche mit Ulrich Khuon hatte. Und ich fühlte mich sehr gemeint von den Menschen, die mich engagieren wollten: Ich war nicht irgendeine junge Schauspielerin, sie wollten wirklich mich. Und die Option, nach Hamburg zu gehen ans Thalia Theater, das ich schon als junges Mädchen so geliebt habe, hat mich natürlich auch gelockt. Aber das eine Jahr Hannover habe ich sehr bewusst wahrgenommen.

Zur Person:

Fritzi Haberlandt, geboren am 6. Juni 1975 in Ost-Berlin, besuchte von 1995 bis 1999 die renommierte Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. 1999 hatte sie ihr erstes Engagement in Hannover. Für ihre erste Hauptrolle in Rainer Kaufmanns Film „Kalt ist der Abendhauch“ erhielt sie 2000 den Bayrischen Filmpreis. Danach folgten mehrere Jahre am Thalia Theater in Hamburg und von 2006 bis 2008 am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Derzeit ist sie im Kino mit dem Film „Nebel im August“ zu sehen.
Am Sonntag, 16. Oktober, gastiert sie gemeinsam mit dem Pianisten Jens Thomas im Schauspielhaus Hannover. In einer szenischen Lesung mit Musik zeigen sie um 19.30 Uhr „Das kunstseidene Mädchen“ nach dem Roman von Irmgard Keun.

War denn Hannover wichtig für Ihre Karriere? 2000 haben Sie immerhin den Preis als beste Nachwuchsschauspielerin bei der Kritikerumfrage von „Theater heute“ gewonnen.

Für mich war dieses erste Jahr ganz toll, weil es mit das intensivste Theaterjahr war. Es war der Abschied von Uli Khuon und das hieß, ich kam in so eine Stimmung, wo alle immer im Theater waren und alle immer gefeiert haben und so eine Zeit verabschiedet haben, die wohl sehr schön war – ich hab ja nur das letzte Jahr erlebt. Ich war nie mehr in meinem Leben so viel im Theater, selbst wenn ich keine Probe oder Vorstellung hatte, war ich einmal am Tag dort. Und ich konnte mich fernab der ganz großen Bühne schon mal ein bisschen austoben, nicht gleich der ganz große Druck – der war in Hannover ein bisschen kleiner und das tat mir sehr gut.

Was verbinden Sie denn noch mit Ihrer Zeit hier?

Es gab so eine lustige Schauspiel-Studenten-WG, da war man immer. Ich hab kaum Leute von außen kennengelernt. Das war nur dieser kleine Theaterkreis, aber der war umso lustiger. Auf der Schauspielschule war es ja das erste Mal, dass man mit Leuten zu tun hatte, die sich überhaupt für diesen Beruf interessieren. Und dann, wenn man das erste Jahr ins Theater kommt, ist man umgeben von Leuten, die diesen Beruf auch ausüben und genauso lieben wie man selber! Ich war immer mit jungen Kollegen zusammen, wir lebten alle fürs Theater. Das war toll, dass es nichts anderes gab.

Jetzt kommen Sie für einen Abend zurück ans Schauspiel Hannover: Mit dem Jazz-Pianisten Jens Thomas führen Sie am Sonntag Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“ auf. Was hat Sie an diesem Text so gereizt, dass sie ihn auf die Bühne bringen mussten?

Ich kenne den Text schon sehr lange, vor über zehn Jahren nahm ich das Hörbuch auf und hatte mich damals schon sehr intensiv damit beschäftigt und gemerkt, dass mir der Text unglaublich nah ist: Diesen Humor, das Tragikomische liebe ich wirklich sehr. Im vergangenen Jahr gab es dann bei einem Literaturfestival die Idee, das als szenische Lesung mit Musik zu machen, und jetzt bin ich total glücklich, dass ich es sogar szenisch spielen darf. Ich liebe diese Sprache von Irmgard Keun, das ist eine so besondere, seltsame, lustige Sprache. Und das ist für mich immer ein Glück, wenn ich das aufsagen darf.

Das kunstseidene Mädchen träumt von einer Karriere beim Film und der Großstadt Berlin. Hat das auch etwas mit Ihnen zu tun? Wie viel Fritzi Haberlandt ist in diesem Text?

Es ist auf jeden Fall eine Seite von mir, dieses etwas Naiv-Träumerische, daran glauben wollen, dass alles gut wird. Und das dann auch mit Humor sehen und sich über sich selbst lustig machen können, ist mir sehr nah. Und dieser Ton, mit dem sie das aufschreibt. Trotzdem ist das natürlich überhaupt nicht mein Leben. Aber es ist eine Seite, die ich gern hab und die ich auch gern zeige.

Wann haben Sie selbst sich das letzte Mal über sich lustig gemacht?

Oh Gott. Ich habe gerade einmal wieder versucht, eine längere Strecke selbst mit dem Auto zu fahren. Ich bin so eine schlechte Autofahrerin und im besten Fall kann ich darüber lachen, wie sehr ich verkrampfe.

Sie spielen nicht nur, Sie singen auch am Sonntagabend. Muss das sein? Keun hat den Text ja nicht für Musik geschrieben.

Das Vorlesen von Texten mache ich ja sehr viel und ich finde, dass das eine tolle Arbeit ist. Das ist ganz anders, als wenn man den ganzen Körper dabei hat. Aber mit der Musik eröffnen sich noch einmal neue Räume. Die Texte werden irgendwie noch größer, die kriegen mehr Luft, mehr Raum. Und das ist für mich auf der Bühne eine unglaubliche Bereicherung. Abgesehen davon, dass es mit Jens Thomas nicht hundertprozentig verabredet ist, was er da macht. Und was ich mache, auch nicht. Es bleibt total spannend, was zwischen uns passiert auf der Bühne, weil er improvisiert. Das ist für mich etwas ganz Neues, aber absolut bereichernd. So habe ich noch nie gearbeitet. Wir haben das bisher auch erst dreimal auf der Bühne aufgeführt. Deshalb ist es ein totales Wagnis, weil ich das nicht gewohnt bin. Sonst will ich immer sehr, sehr genau wissen, was ich da auf der Bühne tue. Und hier springe ich immer ein bisschen ins kalte Wasser.

Was reizt Sie denn nach nun eigentlich 20 Jahren Erfahrungen mehr: Bühne oder Kamera?

Puh. Das schwankt schon ab und zu. Aber im Moment würde ich wieder sagen: Es ist total gut, beides zu machen. Gerade der Wechsel ist für einen Schauspieler der totale Luxus und ein Geschenk. Weil beides so unterschiedlich ist und seine Reize hat. Ich pendel mich eigentlich ganz gut ein mit beidem.

In Ihren Rollen spielen Sie oft starke Frauen, die kämpfen oder charakterlich herausfordern. Ist Schwester Sophia, die Sie in Ihrem neuen Film „Nebel im August“ spielen, auch so ein Charakter? Sie hilft ja einigen Kindern in einer psychiatrischen Anstalt im Dritten Reich, dem Giftmord zu entgehen.

Ich fand erst einmal das ganze Projekt gut und wichtig und mochte das Drehbuch sehr. Gerade bei einer Euthanasie-Geschichte, wo sich einem die Haare sträuben und man wieder einmal fassungslos ist, was damals geschehen ist, fand ich es gut, eine Frau zu spielen, die genau diese Impulse hat, die den Geschehnissen genauso fassungslos gegenübersteht und versucht, das Schlimmste zu verhindern. In jedem anderen Film würde ich viel lieber den Bösen spielen, weil es so viel reizvoller ist, etwas ganz Fremdes zu spielen. Aber bei diesem Film fand ich es sehr angenehm beim Drehen. Wenn da kranke Kinder vor einem liegen und man sagt: „Ja herrlich, sollen sie sterben“ – das hätte ich zu hart gefunden. Ich war also in diesem Fall ausnahmsweise mal froh, die Gute zu spielen.

Sind Sie ein guter Mensch?

Na, ich tue mein Möglichstes.

Interview: Katharina Derlin

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