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Funky Hexenritt: James Carter im Jazz Club

Jazz Club Funky Hexenritt: James Carter im Jazz Club

Wer den Jazz neu erfinden will, muss zurückschauen – und die Jazzgeschichte gegebenenfalls auf den Kopf stellen. Das macht der Saxophonist James Carter, der jetzt mit seinem „Electric Outlet“ im Jazz Club gastierte

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James Carter  im Jazzclub. 

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover.  James Carter, Jahrgang 1969, ist der Prototyp des neuen, nicht auf ein starres Muster festgelegten Jazzmusikers. Als er 1993 als Vorreiter der „Young Lions“-Bewegung durchstartete, waren alle Revolutionen im Jazz durchlebt. Wer nach vorne wollte, musste notgedrungen nach hinten schauen. Was blieb, war, sich wie der Liebling des Jazz-Establishments, Wynton Marsalis, an der Tradition abzuarbeiten. Oder die Jazzgeschichte aus allen Perspektiven zu betrachten; vielleicht sie sogar auf den Kopf zu stellen und seine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Genau das macht der Multi-Saxophonist aus Detroit seitdem mit enormer Wandlungsfähigkeit.

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So war der Auftritt von James Carter:

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Im Jazz Club Hannover war James Carter zuletzt vor zwei Jahren mit einem Orgel-Jazz-Trio im Stil der 60er-Jahre zu erleben. Es hätte aber genauso gut ein anderes seiner Formate sein können - vom Saxophon Quartett bis zum Gypsy Jazz Projekt. Oder eben sein „Electric Outlet“ mit dem er nun im Jazz Club gastierte.

Das fehlte bislang noch in seinem Band-Portfolio: eine Band, die dem, wie er selber sagt „frustrierten Gitarristen“ eine Plattform bietet, sich elektrisch auszutoben. Deswegen sind nicht nur seine Mitmusiker verkabelt (sogar der Schlagzeuger hat ein E-Perkussionset angeschlossen), sondern auch seine Saxophone mit allerlei Effektgeräten verkoppelt. Damit klingt Carter tatsächlich bisweilen wie ein Jimi Hendrix mit Jazzausbildung; manchmal aber auch wie ein Space-Jet-Geschwader aus dem Film „Star Wars". Aber nur selten wie ein geschult durch die Chorusse düsender Modern-Jazz-Saxophonist. Auf jeden Fall harmonieren die elektronischen Spirenzchen gut mit dem satten Sound seines mit dem legendären Bassisten Ralphe Armstrong (Mahavishnu Orchestra, Frank Zappa), Keyboarder Gerard Gibbs und Schlagzeuger Alex White hochkarätig besetzten Quartetts.

Auf dem Programm stehen, dem Anlass gemäß, Klassiker der Soul- und Funk-Geschichte: Songs der Moments, Crusaders, von Gloria Gaynor und Eddie Harris. Doch Carter wäre nicht der charmante Querkopf, wenn er diese werkgetreu covern würde. Die im Original lässig dahingroovende Soft-Funk-Hymne der Moments „Sexy Mama“ etwa gerät im Zugriff der vier Musiker zum bizarren Hexenritt. Bei dem vor allem Carter und Schlagzeuger Alex White viel Spaß haben. Und sich große Mühe geben, mit groteskem Stegreifspiel und verschleppter Rhythmik den Rahmen zu sprengen. Was ihnen allerdings nur bedingt gelingt. Schließlich schaffen es Armstrong und Gibbs immer wieder die Funk-Form zu wahren.

Erstaunlich ist , wie der schwergewichtige Armstrong, der auch als Blues-Sänger eine gute Figur macht, bei Eddie Harris’ „Listen Here“ über 15 Minuten unbeeindruckt seinen Ostinato-Basslauf beibehält, während um ihn das Chaos ausbricht. So ist es ein Konzert, bei dem Spaß und Ernsthaftigkeit, Ausladendes und Einladendes, Freiheit und Form sich sehr nahe kommen. 

Von Bernd Schwope

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