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02:15 03.04.2017
Von Ronald Meyer-Arlt
Nach dem Umzug: Familie auf dem Rückweg vom Düsseldorfer Karneval.
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Hannover

Was für merkwürdige Bilder. Die Mitglieder einer Blaskapelle scheinen Pause zu machen, zu sehen sind nur die Trompeten, die neben den schwarzen Federbuschmützen der Musiker auf dem Kopfsteinpflaster liegen. Hat hier eine neue Bombe alle Menschen ausgelöscht? Oder die vier grau bepuderten Frauen, die vor einer Batterie von Spinden zusammensitzen: Gab es einen Vulkanausbruch? Aber warum kramt die eine so ruhig in ihrer Ledertasche herum? Oder der Arbeiter im grauen Overall, der so konzentriert einen grauen Pick-up am Fließband betrachtet, dass er dabei fast das Gleichgewicht verliert. Ist er an das Band gefesselt? Will er den Robotern im Werk etwas beweisen?

Die Fotos von Frank Schinski regen zu Fragen an. Es sind Miniaturen aus dem Alltagsleben, kleine Erzählungen, die den Betrachter verstören können. Die Orte der Szenen sind bekannt: das Werk, die Garderobe, die Kleinstadtstraße. Man weiß: Das ist hier. Das ist Deutschland. Das sind wir.

„Ist doch so“ heißt eine Ausstellung in der Galerie für Fotografie, in der Frank Schinski von Mittwoch, 5. April, bis zum 7. Mai einige seiner Fotos präsentieren wird. Der Titel passt: Es sind lakonisch anmutende Bilder aus Deutschland, die das Land zeigen, wie es ist. Es ist, was es ist. Und immer noch ein bisschen mehr. Da ist so ein merkwürdiger Rest in Schinskis Bildern, so eine Tonspur der Traurigkeit, so ein Hoffen, so ein Bangen. Etwas, das schwer zu greifen und schwer zu benennen ist. Manchmal wirken seine Fotos wie Bilder aus einem Stück eines sehr guten und sehr traurigen neuen Dramatikers.

Das Randständige im Zentrum

Beim Betrachten ist oft so ein merkwürdiges Glühen fühlbar wie von einem fernen Warnlicht, oder von etwas Gutem, das gerade verschwunden ist. Ein merkwürdiger Zauber und eine Kälte umwehen diese Fotos.

Für die Ausstellung hat Frank Schinski Bilder aus verschiedenen Serien zusammengestellt. Eine dieser Serien war seine Arbeit für die Abschlussprüfung seines Fotostudiums bei Rolf Nobel an der Hochschule Hannover: In „Der letzte Arbeitstag“ hat Frank Schinski Menschen fotografiert, deren Berufsleben gerade zu Ende gegangen ist. Mit seinen einfühlsamen und originellen Bildern, die oft das scheinbar Randständige ins Zentrum rücken, die Emotionen zeigen, ohne gefühlig zu sein, und die das Fremde im anscheinend Normalen aufscheinen lassen, ist er in der Fotoszene aufgefallen. Die „Zeit“ hat ihn beauftragt, lauter erste Arbeitstage zu fotografieren. Auch nicht gerade einfach.

Wie fremd das alles ist

Frank Schinski pflegt diesen Außenblick. Das Alltagsleben wird ihm zur Bühne. Er beobachtet, wie fremd das alles ist. Vielleicht hilft ihm dabei, dass er die Welt eine Zeitlang selbst mit dem Blick eines Fremden gesehen hat. Er ist weit im Osten Deutschlands aufgewachsen, hat eine Maurerlehre gemacht, weil man das damals so machte in dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Nach Jahren auf dem Bau hat er das Abitur nachgeholt. 1995 ist er aus der DDR in den Westen gekommen, hat auf dem Bau gearbeitet, war auch hier immer der andere, der Fremde. Das kann den Blick schärfen.

Aus einer Laune heraus hat er sich in Hannover seine erste Spiegelreflexkamera gekauft. „Ich konnte gar nicht glauben, was ich da getan habe“, sagte er. Aber dann ging es los mit dem Fotografieren. Erst in einer Hobbyfotografengruppe - was nicht so gut war. Dann an der Hochschule - was sehr gut war. „Da ging eine Tür auf“, sagt Frank Schinski.

Jetzt ist er Mitglied der renommierten Fotoagentur Ostkreuz. Sein Arbeitsplatz ist in einer Ateliergemeinschaft in Limmer. Er fotografiert für Zeitschriften, macht bei Projekten seiner Agentur mit und nimmt auch Aufträge von Unternehmen an.

Beim Fotografieren versucht Frank Schinski sich immer ein bisschen unsichtbar zu machen. Wie Fotografen das so machen.

Für die Abschiedsfotos aus dem Arbeitsleben ist er stets einen Tag vor dem eigentlichen Fototermin angereist. Er hat mit den Leuten geredet, auch von sich erzählt, Vertrauen aufgebaut. Und dann hat er geschaut. Und seine Motive oft da gefunden, wo er sie gar nicht erwartet hatte: am Rand, bei den Nebenfiguren, jenseits dessen, worauf sich die allgemeine Aufmerksamkeit richtet.

Und manchmal ist das Motiv, das am meisten zu erzählen verspricht, gar nicht das richtige. Bei der Serie über die ersten Arbeitstage hatte er es mit einem Professor für Marketing zu tun. Der kam in sein neues Büro und fand einen Schreibtischstuhl vor, der noch in Folie eingeschweißt war. Eigentlich ein großartiges Motiv, aber spannender war dann noch ein anderes Foto: Als der Professor seinen neuen Bildschirm einrichtete, war alles im Zimmer grau - bis auf das goldene Leuchten aus dem Monitor. Das Bild erzählte vom Zauber des Neuen noch auf eine ganz andere, tiefere Weise.

Der magische Moment

So ein Foto ist nicht planbar. Man muss nur da sein. Und offen für den Augenblick. Frank Schinski arbeitet mit zwei Kameras und zwei Objektiven, einem 50-Millimeter-Normalobjektiv und einem leichten Weitwinkel. Das ist nahe am menschlichen Blick. Für jedes Objektiv hat er eine Kamera. So kann er schnell reagieren. Und darauf kommt es an, wenn man den richtigen, den magischen Moment erwischen will.

Frank Schinski: „ist doch so“. Bis 7. Mai in der Galerie für Fotografie in der Eisfabrik, Seilerstraße 15. Ausstellungseröffnung am Mittwoch, 5. April, um 19 Uhr.

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