Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Udo ist ganz im Dienst des Rock ´n´ Roll

Lindenberg-Konzert Udo ist ganz im Dienst des Rock ´n´ Roll

Udo Lindenberg wird immer lässiger: Mit 10.000 Fans hat er am Dienstagabend die erste von zwei Shows in der Tui-Arena gegeben. Für seine beiden Konzerte in Hannover hat er sich auch Duettpartner organisiert. Am Dienstagabend unterstützten ihn unter anderem Johannes Oerding und Stefanie Heinzmann.

Voriger Artikel
Die besten Bilder der Welt auf der Expo-Plaza
Nächster Artikel
Top-Fotografen in Hannover: Lumix-Festival eröffnet

Rock ´n´ Roll als Lebensaufgabe: Udo Lindenberg beim ersten von zwei Konzerten in Hannover.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Kein Jahr ist es her, da schwebte Udo Lindenberg durch die HDI-Arena. Einmal als Tourgeneralprobe, einmal so richtig mit voller Hütte und Spezialeffekten. Nicht lange her, geht aber schon wieder. Udo geht, so scheint es, immer. Er ist zurück in Hannover, wieder zweimal, diesmal unterm Dach der Tui-Arena auf dem Expo-Gelände. Der erste Abend restlos ausverkauft, der zweite auch fast. Läuft bei ihm. Galaktisch, würde er wohl sagen. 70 ist er. Das sollte man nicht verschweigen.

Udo Lindenberg in der Tui-Arena.

Zur Bildergalerie

Da muss sich der Grönemeyer nicht nach Jüngeren umdrehen, wenn es um seine Konkurrenz als Deutschlands erfolgreichster Solokünstler geht. Der alte Mann mit dem Hut rollt das Feld von hinten auf. Nicht, dass er irgendwas geändert hätte. Auch in der Halle schwebt er in seiner seilgebundenen Udo-Luftgondel unterm Dach quer durch die Halle auf die Bühne und singt dabei "Odyssee". Dann, nach ein paar wenigen von ganz vielen Songs, legt er mit einer Art Ansprache los. "Hannover, Hardrockciddy, Expertenstadt, yeah, wieder da, Stadion, war geil, zwei Wochen vorbereitet, Maschsee, gejoggt," und "der Maddin", gemeint ist Maddin Kind, wenn der ruft, ist Udo da. Man versteht nicht alles, aber es ist faszinierend. 

Hat er alles vergangenes Jahr schon mal erzählt. Er darf das. Das ist sein Geheimnis. Man hat sich in der bunten Republik Deutschland auf Lindenberg besonnen. Auf einen, der es wirklich durchgezogen hat mit dem Rock 'n' Roll. Und der in der Generation Ich-mach-Projekte-und-so auf einmal gar nicht mehr so antiquiert wirkt, sondern wie etwas Gutes und Wahres aus der alten Zeit. Sagt er seinem Publikum in Hardrockciddy auch selbst:  "Ich hab mein Leben in den Dienst des Rock 'n' Roll gestellt." Er macht halt sein Ding.

Das wissen wir, und das hören wir, schon ziemlich zu Beginn der Show im Original, später dann auch in dieser und jener Variation in Songs von seinem neuen, ziemlich nachdenklichen Album „Stärker als die Zeit“. In „Plan B“ geht es darum, dass er eben einen solchen Plan nicht hat, dass Udo einfach Udo ist und das im Rest seiner Zeit auch nicht mehr zu ändern gedenkt. In „Einer muss den Job ja machen“ besingt er die harten Pflichten des Rock 'n' Roll: Fernseher aus dem Fenster schmeißen, Drogen, Suff und lange schlafen. Ironisch, aber auch eine melancholische Rückschau auf sein eigenes Volle-Pulle-Leben. Und Zeilen wie „Wohnt nicht im Haus, sondern im Hotel, da finden ihn die Ladies schnell“ darf auch nur er ungestraft dichten. Man nimmt ihm bei aller zelebrierten Panik eben auch die Sentimentalität ab, in denen er manchmal die - ebenfalls (mit Kinderchor) besungene - „Coole Socke“ gibt und dann wieder fast flüstert und das „Düpndida“ geradezu zerbrechlich tönt. Dass er trotzdem der ewige Rock 'n' Roller ist, steht außer Zweifel. Mit allem Pipapo. Hut, Brille, Panikuniform und Gitarristen, die sich bei ihren Soli nach hinten biegen und den Klampfenhals gen Himmel strecken. 

Dabei holt er sich immer auch  junge Unterstützung auf die Bühne. Bei „Cello“ ist es diesmal nicht Clueso, sondern der Hamburger Sänger Johannes Oerding, ebenfalls Hutträger, der als Duettpartner an die Rampe tritt. Dafür gibt’s viel Applaus, es wird selbstverständlich mitgesungen. Musicalsängerin Josephin Busch singt "Gegen die Strömung" mit, Stefanie Heinzmann bricht mit Udo die Herzen der stolzesten Frauen. Daniel Wirtz rappt sich lustig durch eben jene "Bunte Republik Deutschland" und setzt dabei seinem Gastgeber ein schickes Denkmal. „Ich lieb' dich überhaupt nicht mehr“ schlurft zwischendurch durch die Halle, Lindenberg könnte auch von der Bühne gehen, die Menge würde es schon allein stemmen.

Leer wäre die Bühne ohnehin nicht. Die Band ist groß und großartig eingespielt, dazu kommen Sänger, Tänzerinnen, Artisten, Aliens, Bläser. Auch der Kinderchor kommt nochmal wieder und fragt  die ewige Lindenberg-Frage: "Wozu sind Kriege da?" Kein Lindenberg-Konzert ohne Nazi-Schelte, die in diesen Zeiten noch ein bisscher lauter bejubelt wird als ohnehin. Denn er knöpft sich AfD-Lautsprecher Gauland und dessen aktuelle Nachbarschaftsprobleme vor: "Die Maske der AfD", sagt Lindenberg,  habe Gauland so weit runtergezogen, "dass die hässliche Fratze des Rassismus voll zu erkennen war". Er  steht dabei, wie so oft an diesem Abend, ganz vorn auf dem Mittelsteg, mitten im Publikum.

Genau so schnell ist Lindenberg aber wieder im Abrockmodus. Seine Lässigkeit nimmt eher zu, nicht nur, weil er mittlerweile exakt so aussieht wie er sich immer schon gezeichnet hat. Und der lange Rest sind Hits. Evergreens geradezu. Von "Hinterm Horizont" über "Bodo Ballermann", der "Andrea Doria" und dem "Sonderzug nsch Pankow". 

David Bowie, Prince und die anderen, sagt Lindenberg irgendwann, seien viel zu früh gegangen. Aber da sein Body und er ja Meister in Überleben seien, wolle er noch ein bisschen hier unten weitermachen. "So 30 Jahre", sagt er dann noch leise. Und muss selbst ein bisschen lachen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
70. Geburtstag von Udo Lindenberg
Foto: Fitter - und erfolgreicher - denn je: Udo Lindenberg.

Der Mann, der den Deutschrock zum Genre machte, wird heute 70 Jahre alt und ist so erfolgreich wie nie zuvor. Neue CD, Deutschlandtour – Udo Lindenberg startet noch mal richtig durch.

mehr
Mehr aus Kultur
Die Böhsen Onkelz in der Tui-Arena

Comeback der Deutschrocker: Dienstag spielten die Böhsen Onkelz in der Tui-Arena im Hannover.