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Kultur John Eliot Gardiner dirigiert in Königslutter
Nachrichten Kultur John Eliot Gardiner dirigiert in Königslutter
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00:19 16.06.2018
Ort mit Aura: John Eliot Gardiner im Kaiserdom Königlutter Quelle: Andreas Greiner-Napp
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Königslutter

Der Mann ist längst so etwas wie der Erbverwalter Johann Sebastian Bachs: Kaum ein Musiker kennt sich so gut aus mit den historischen Umständen des Komponisten und seiner Zeit wie John Eliot Gardiner, und kein Wissenschaftler hat so viele Werke so oft selbst aufgeführt wie der 75-jährige britische Dirigent, Bach-Biograf und Präsident des Leipziger Bach-Archivs.

Mit seinem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists hat Gardiner schon vor Jahrzehnten Aufnahmen der großen Bach-Passionen und -Messen veröffentlicht, die ihm den Weg zu einer internationalen Karriere bahnten. In Deutschland wirkte er nicht nur als Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters in Stuttgart – 2003 gab er auch den Anstoß zum Festival Soli Deo Gloria, das seither hochkarätige Barockkonzerte in der Region Braunschweig veranstaltet.

Nun war Gardiner nach einer mehrjährigen Pause wieder beim Festival zu Gast: Im Kaiserdom Königslutter dirigierte er ein Programm mit vier Bach-Kantaten. Der Dirigent schätzt die Kirche trotz ihres sehr langen Nachhalls: Die Aura dieses uralten Ortes ist ihm offenkundig mehr wert als allzeit scharf gestochene Sechzehntelnoten.

Dazu passt, dass der Mann, der früher für seine Sachkenntnis geachtet und seine Wutausbrüche gefürchtet war, inzwischen eine neue Lockerheit gewonnen hat. Mit wallend langem Haar und bunten Stoffbändern um die Handgelenke hat Gardiner nichts mehr von einem strengen Zuchtmeister. Und so offen und entspannt die äußere Erscheinung des Dirigenten ist, so wirkt auch die Musik, die er mit seinen beiden fabelhaften Ensembles spielt. Aus Tempo und Artikulation sind Hektik und überflüssiger Druck verschwunden, alles klingt frei, natürlich und auf sympathische Art selbstsicher.

Seit Jahren beschäftigen sich Gardiner und seine Musiker intensiv mit Bachs Kantaten. In Königslutter erlebt man diese Routine als Glücksfall: Hier ist ein Grad an Lockerheit und Perfektion erreicht, den nur die Zeit mit sich bringen kann. Da stört es auch kaum, wenn sich nicht alle Stücke so gut in die Akustik fügen wie die schmerzhaft lang gezogenen Gesänge im Eröffnungschor von „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“. Auf dem Programm steht schließlich auch „O Ewigkeit, du Donnerwort“: Wer braucht schon jede kurze Note, wenn es um die letzten Dinge geht?

Im kommenden Jahr macht sich Soli Deo Gloria auf den Weg in die Klassik: Am 23. Juni 2019 steht Haydns „Schöpfung“ mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und Il Giardino Armonico unter Leitung von Giovanni Antonini auf dem Programm.

Von Stefan Arndt

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