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Kultur Marco Goeckes Choreografie „Nijinski“ im Schauspiel Hannover
Nachrichten Kultur Marco Goeckes Choreografie „Nijinski“ im Schauspiel Hannover
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00:19 02.04.2018
(Zungen-)Spitzentanz: Nijinski (Rosario Guerra) und Freund Isajef (Theophilus Veselý). Quelle: Regina Brocke
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Hannover

 Kann man überhaupt zittern? Oder ist es nicht eher so, dass man gar nicht zittert, sondern gezittert wird? Ist Zittern nicht etwas, das man nicht steuern kann, sondern etwas, das einem widerfährt? Wird der Mensch zitternd zum Objekt? Ist da etwas außerhalb von ihm, das ihn bewegt, etwas, das viel stärker, viel größer ist als er? Und ist die Kunst nicht auch etwas außerhalb des Menschen, etwas, das ihn bewegt, etwas, das größer und stärker ist als er?

Solche Fragen wirft „Nijinski“ auf, eine Choreografie von Marco Goecke aus dem Jahr 2016. Das Zittern, das Unkontrollierte, Maschinenhafte und Manische spielt eine große Rolle in den Arbeiten von Marco Goecke, der im Sommer 2019 neuer Ballettdirektor am Staatstheater Hannover wird. Jetzt war seine Choreografie „Nijinksi“ bei den Ostertanztagen im Schauspielhaus zu sehen.

Das Publikumsinteresse am Gastspiel der Stuttgarter Gruppe Gauthier Dance (für die Goecke „Nijinski“ im Jahr 2016 entwickelt hat) war groß. Das Haus war seit langem ausverkauft. Und der Applaus nach anderthalb Stunden schweißtreibender Hommage an einen berühmten Tänzer war beachtlich: Es gab Fußgetrappel, Bravos, Begeisterungsrufe und jede Menge Jubel. Einige Damen in Parkettmitte applaudierten auch im Stehen. Schade, dass Marco Goecke beim Gastspiel in seiner neuen Heimatstadt nicht dabei war. Aber ein Großteil des Beifalls galt wohl auch Rosario Guerra, dem kraftvollen, athletischen Tänzer der Titelrolle. Was er abliefert, ist sensationell: kraftvolle, hochpräzise Bewegungskunst, die immer auf bestmöglichen Ausdruck bedacht ist. 

Auf fast leerer Bühne erzählen die 16 Tänzer  zur Musik von Frederic Chopin und Claude Debussy vom Leben des berühmten Tänzers und Choreografen Waslaw Nijinsky. Sie tragen schwarze Anzughosen und meist freie Oberkörper. Das Leben Nijinskys wird nicht episodenhaft nachbuchstabiert, sondern eher in Gefühlswerte übersetzt. Dabei scheut Goecke auch nicht vor Bildern großer Direktheit zurück. Bei der Entdeckung seiner homosexuellen Neigungen greift Nijinsky seinem Partner entschlossen in die Hose. Und auch die Zungenspitze kommt in Goeckes starkem Körperspiel zum Einsatz.

Auffällig ist die atemberaubende Präzision der absolut synchronen Ensembleszenen und die Lust des Choreografen an gelegentlichem Slapstick und an fast pantomimischen Szenen. Bei „Nijinsky“ fügt sich das alles sehr schön zum Porträt eines an Schizophrenie leidenden Künstlers zusammen. Aber ob das immer so funktioniert? Oder werden das Zittern und die anderen schnellen Mikrobewegungen, die Goecke so schätzt, irgendwann wie eine überkommene Mode wirken?

Es dürfte von der Compagnie abhängen, die der Choreograf in Hannover zusammenstellen wird – von ihrem Einfallsreichtum und ihrem Mut, Neues zu wagen. Insofern: Kein Grund zu zittern.

Am 5. Mai hat „Marilyn“ von Ballettchef Jörg Mannes im Opernhaus Premiere.

Von Ronald Meyer-Arlt

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