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„Wir brauchen mehr privaten Einsatz für Kultur“

Joachim Werren im Interview „Wir brauchen mehr privaten Einsatz für Kultur“

Joachim Werren spricht im Interview mit HAZ-Redakteur Daniel Alexander Schacht über sieben Jahre an der Spitze der Stiftung Niedersachsen – und die Zukunft der Kulturförderung.

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Joachim Werren.

Quelle: von Ditfurth

Ihr Weg zur Stiftung Niedersachsen ist ungewöhnlich. Sie sind kein Geisteswissenschaftler, sondern Jurist. Ein Beispiel dafür, dass Juristen überall einsetzbar sind?
Im Prinzip kann ein Jurist alles. Er lernt, Wichtiges zu unterscheiden, stößt schnell zum Wesentlichen vor. Aber für mich war Kultur von Haus aus permanent ein Thema, ich habe als Jugendlicher Geige gelernt, habe bei Populärkultur vielleicht manches verpasst, dafür aber sinfonische Musik von morgens bis abends gespielt.

Der Tätigkeitsbericht der Stiftung zeugt von teils jahrzehntelanger Fördertradition. Welches sind neue Projekte und Akzente in Ihrer Amtszeit?
Ich bin 2008 mit einem spezifischen Gestaltungsauftrag ausgewählt worden. Es ging darum, die Kulturstiftungen des Landes, die Stiftung Niedersachsen und die Lottostiftung zusammenzuführen. Die eine hatte Albrecht, die andere hatte Schröder gegründet. Die eine förderte eher Hochkultur, die andere betrieb stärker Breitenförderung. Neu hinzugekommen ist die Förderung der freien Theaterszene, immerhin 90 professionelle Gruppen gibt es. Dazugekommen ist auch die Förderung der Soziokultur, für die wir ein eigenes Förderprogramm entwickelt haben, und nicht zuletzt die Tanzförderung.

Zur Person

Joachim Werren, Jahrgang 1948, war nach Wehrdienst und Jurastudium erst in der nordrhein-westfälischen, dann in der niedersächsischen Landespolitik, zuletzt als Staatsekretär im Wirtschaftsministerium, bevor er 2008 Generalsekretär der Stiftung Niedersachsen wurde. Hier hat er nach der Fusion mit der Lottostiftung das Förderantragsvolumen der Stiftung deutlich erhöht. Früher unterstützte die Stiftung jährlich rund 50 Projekte, heute sind es bis zu 300. Die Fördersumme betrug zuletzt 4,6 Millionen Euro. Im Herbst tritt Lavinia Franke, bisher Theaterformen-Chefin, Werrens Nachfolge an.

Sie fördern den Joseph-Joachim-Violinwettbewerb, ein Buch über El Lissitzky, die Theaterwerkstatt in Hannover. Wie sieht  das Profil der Förderung aus?
Wir haben da zwei Säulen: Auf der einen Seite unsere Programme, die wir selbst durchführen. So läuft der internationale Joseph-Joachim-Violinwettbewerb gänzlich in unserer Regie. Ebenso der Spektrum-Preis für Fotografie oder das Literaturlabor Wolfenbüttel, das junge Schreibtalente fördert. Insgesamt gibt es zehn solche Programme, für die wir ein Viertel unseres Fördervolumens ausgeben. Die andere Fördersäule besteht aus den Projekten, die uns von dritter Seite vorgestellt werden. So fördern wir von den mehr als 100 Musikfestivals im Land acht bis zehn regelmäßig. Denn die machen hochwertige Kulturarbeit, etwa die Festivals in Hitzacker und Freden und die Göttinger Händel-Festspiele.

Trügt der Eindruck, dass kulturell kaum etwas ohne die Stiftung läuft? Ginge es auch ohne sie? Oder: Wie ginge es ohne?
Wir legen Wert darauf, dass alle staatlichen Ebenen ihrem kulturellen Grundversorgungsauftrag nachkommen. Die Stiftungsmittel sollen eine ergänzende Funktion haben und eine weiterführende Entwicklung auslösen. Von diesem kulturellen Mehrwert müssen Antragsteller uns überzeugen. Der Staat steuert, übrigens gesetzlich geregelt, vier Millionen Euro jährlich aus der Glücksspielabgabe zu unserem Fördervolumen bei, und diese vier Millionen gehen komplett in die Förderung. Unsere Personalkosten werden aus dem Stiftungserträgen finanziert.  Früher ging es um 50 Bewilligungen im Jahr, heute oft um 300. Die Kopfzahl von neun Mitarbeitern ist seit der Fusion mit der Lottostiftung gleichgeblieben. Die Stiftungsgremien sind mit unterschiedlichen Gesellschaftsvertretern und bewusst staatsfern und nicht parteipolitisch besetzt. Das ist ein sehr angenehmes Arbeiten, weil es da nur um die Sache geht.

Wie sieht es mit privaten Partnern aus?
Ich würde mir wünschen, dass wir wie im angelsächsischen Raum stärker dahin gelangen, dass private Förderer mit dem eigenen Vermögen die Kultur unterstützen. Die Kulturförderung ist dringend auf mehr privaten Einsatz angewiesen. Doch der ist leider gänzlich unterentwickelt bei uns. Dabei geht es auch anders: Es gibt einen Stifter, der in Einbeck seine Zweiradsammlung in eine Stiftung eingebracht hat, die einen alten Kornspeicher zur Ausstellungsfläche gemacht hat. Wir haben das mit einem sechsstelligen Betrag unterstützt, aber zunächst ist es fast komplett mit privaten Mitteln gelaufen.

Gibt es eher Kooperation oder Konkurrenz zwischen den Stiftungen?
Stiftungen sind von Menschen geführt und damit sozusagen naturgemäß eitel. Traditionell wollen viele Stiftungen daher exklusive Förderer eines Vorhabens sein. In der heutigen Zeit ist dieser Anspruch aber kaum noch durchzuhalten, und man gelangt zu konsortialen Finanzierungen. Leider hat sich auch der Staat daran gewöhnt, dass es immer übliche Verdächtige gibt, die aufbringen, was der Staat nicht aufbringen kann oder möchte ...

… was sich etwa in der Streichung von Ankaufsetats praktisch aller Museen zeigt.
Das Fehlen solcher Etats ist der Grund dafür, das wir als Stiftung selbst Objekte erwerben, wenn wir wissen, dass ein Haus an dem Objekt zur Ergänzung seiner Sammlung besonders interessiert ist.

Tatsächlich zählen zum Stiftungsvermögen  mittlerweile Artefakte im Wert von rund acht Millionen Euro.
So kommt’s, dass wir eine Kunstsammlung haben,  ohne zu sammeln. Wir behalten das Eigentum an diesen Objekten. Zum einen haben wir nichts zu verschenken, zum anderen möchten wir über das Schicksal jedes einzelnen Kunstwerks im Bilde sein. Auch unsere Wirtschaftsprüfer verlangen den Nachweis angemessener Aufbewahrung in den Häusern. Und wir wollen es wissen, wenn etwas verliehen wird und ob die Bedingungen für diesen Leihverkehr in Ordnung sind. 

Wie ist das mit den Projekten Ihrer Amtszeit? Worauf sind Sie stolz?
Lange begleitet habe ich ein Projekt mit dem Titel „Filzwelt Soltau“. Das ist eine museumsartige Präsentation in einer ehemaligen Fabrik, wo einer der ältesten Werkstoffe der Menschheit gezeigt wird, der Filz. Das mag sonderbar scheinen, aber das ist es, was uns besonders reizt: das Spezielle, das Singuläre ist für uns besonders förderungswürdig. Das gilt auch für unsere musikethnologische Sammlung mit 50 000 Tonträgern aus aller Welt. Wir haben die der Universität Hildesheim zur Verfügung gestellt, wo ein Center for World Music und ein dazu passender Studiengang entstanden sind. Auf den Weg gebracht und finanziert übrigens zunächst ausschließlich von der Stiftung Niedersachsen.

Was ist Ihnen nicht gelungen?
Die Stiftung Niedersachsen hat sich immer wieder auch mit Themen der Zeit befasst, hat etwa einen philosophischen Kongress zu „Geist und Natur“ oder ein Hearing zur Stammzellforschung initiiert. Dies gehört nach dem Selbstverständnis der Gremien unbedingt zum Stiftungsauftrag. Leider ist es nur bei dem Versuch geblieben, etwa zu Anforderungen an eine zeitgemäße Wirtschaftsethik oder zu einer konstruktiven Kapitalismuskritik ein geeignetes Veranstaltungsformat zu finden. Für solche gesellschaftlichen Standortbestimmungen werden hoffentlich in der Zukunft Zeit, Mittel und Wege gefunden. 

Sie sind selbst sehr kulturaffin, Sie singen und spielen Geige. Sind das Beschäftigungen, denen Sie stärker nachgehen werden, wenn Sie dafür mehr Zeit haben? Gibt es ein Leben nach der Stiftungsarbeit?
Was kommt danach? Tja, da habe ich noch keinen genauen Plan. Ich werde die Kultur im Blick behalten, werde den kulturellen Fragen gegenüber weiterhin sehr offen sein. Aber ich warte mal ab. Die ersten drei Anfragen werde ich ablehnen, um zu schauen, ob dann vielleicht die interessanten kommen.

Interview: Daniel Alexander Schacht

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