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Geschichten von der "Generation Beziehungsunfähig"

Michael Nast in der MHH Geschichten von der "Generation Beziehungsunfähig"

Michael Nast, Autor des im letzten Jahr viral gegangenen Textes "Generation Beziehungsungfähig", hat am Donnerstagabend eine Lesung in Hannover gegeben. "Mein Anliegen ist es, ein authentisches Abbild des Lebens zu beschreiben", sagt Nast zu Beginn im ausverkauften Hörsaal der Medizinischen Hochschule.

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Sein Verlag bezeichnet Nast als "Sprachrohr seiner Generation".

Quelle: Wallmüller

Hannover. Ein Junge in Jogginghose humpelt auf Krücken über den Gang der Medizinischen Hochschule. Sein halbes Gesicht wird von einen Mundschutz verdeckt. An ihm hastet eine Gruppe Studentinnen, alle hübsch zurecht gemacht, vorbei in Richtung Hörsäle. Denn dort, im ausverkauften Hörsaal F, liest Michael Nast Texte aus seinem Buch "Generation Beziehungsunfähig" vor. Es könnte auch "Geschichten der Generation Y" heißen. Nasts Protagonisten im Alter von 20 bis 35 Jahren sind zu sehr mit sich selbst und ihrem Job beschäftigt, um sich um die Beziehung zu anderen Menschen zu kümmern. Eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt es nicht mehr. Wir haben genug und sind doch nicht zufrieden. Es ist alles sehr schwierig in unserer Wohlstandsgesellschaft.

Dass Nast in Hannover in einem Krankenhaus liest, ist ein bizarres Sinnbild für seine Thesen. Wir sind kaputt. Unser Kommunikationsverhalten auch. Aber daran ist die Gesellschaft schuld. "Wir müssen permanent unzufrieden mit uns selbst sein, damit das System funktioniert", schreibt der Autor, der früher in der Werbebranche arbeitete, in einem seiner Essays über den Kapitalismus. Dabei geht es nicht nur ums Konsumieren, sondern auch um andere Lebensbereiche: Wir wollen immer schöner, schlauer und sexyer sein. Man fragt sich, wie sehr er persönlich hinter seinen Thesen steht. Sie klingen oft wie eine Mischung aus Stammtischparole und der Art von pseudo-philosophischen Gesprächen, die man nach ein paar Bier mit Freunden an der Bar führt. "Ist doch so", möchte man sagen und sich ein bisschen im Selbstmitleid suhlen. Angehörige der Generation Y erkennen sich in den Zeilen wieder. Denn Nast erzählt nichts Neues.

Seine Erfolgsgeschichte begann vor knapp einem Jahr. Mit Papierfächern haben die Macher des Online-Magazins "Im Gegenteil" damals angeblich verzweifelt versucht, ihre Server zu kühlen. Mitte April 2015 erschien dort Michael Nasts Essay mit dem Titel "Generation Beziehungsunfähig", der Namensgeber für sein vor knapp einem Monat veröffentlichtes Buch. Der Text ging sofort in den sozialen Netzwerken viral. 3 Millionen Menschen haben ihn bis heute gelesen. Dabei ist sein Schreibstil auf Dauer ermüdend - besonders, wenn man sein ganzes Buch liest. Formulierungen und Gedanken wiederholen sich und wirken teilweise sehr gekünstelt. Kennt man einen Nast-Text, kennt man alle.

Seine studentischen Zuhörer lachen an den richtigen Stellen. Sie kennen ähnliche Geschichten sicher aus ihrem Freundeskreis. Doch das große Ganze, das Nast in seinen Texten beschreibt, geht unter. Wir können zwar keine Beziehungen führen und das Gesellschaftssystem macht uns krank, aber hey, das ist schon in Ordnung. Ständige Selbstreflexion sei ein Luxusproblem, sagt Nast. An diesem Abend siegt die Oberflächlichkeit. Das passt zu einem Mann, der in diesem Jahr 41 Jahre alt wird und Erwachsen werden als tragisch bezeichnet.

Sein Verlag nennt Nast "das Sprachrohr seiner Generation" - das Sprachrohr der Generation Y also. Das ist seltsam. Denn diese Menschen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Wohl deshalb schreibt der Autor in seinen Essays stets über Erlebnisse von Bekannten, die 10 bis 15 Jahre jünger sind als er. Doch wie er dort vorne an einem kargen Tisch sitzt und zwischen den gelesenen Texten mit dem Publikum quatscht, kann man ihn sich gut vorstellen, wie er mit hippen Großstädtern in Berliner Bars abhängt - und pseudo-philosophische Gespräche führt. Denn nicht nur in seinen Texten, stets aus der Ich-Perspektive erzählt, strahlt Nast eine Mischung aus Lässigkeit und Arroganz aus.

von Sarah Franke 

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