Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Geschichte lässt sich verkaufen
Nachrichten Kultur Geschichte lässt sich verkaufen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:47 29.09.2010
Von Kristian Teetz
Geschichte kommt an: Darsteller bei Ritterspielen in Hannover. Quelle: dpa

104,9 Millionen Gäste haben im Vorjahr Deutschlands Museen besucht, wobei mit Abstand die meisten von ihnen in historischen Ausstellungen gezählt wurden. Ritterspiele, sogenannte Living-History-Events, Konzerte mit historischen Instrumenten, die Lange Nacht der Wissenschaft, Comics zu historischen Themen, historische Schlachten als Computerspiel, populärwissenschaftliche Zeitschriften wie „Geo Epoche“ und Doku­dramen wie „Eichmanns Ende“ finden ein wachsendes Interesse. Besucher, Zuschauer und Leser fühlen sich unterhalten und lernen noch etwas. Ein Idealzustand, über den sich die Fachvertreter auf dem gestern eröffneten Deutschen Historikertag in Berlin freuen können, die sich mit dem Einfluss von Grenzen auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen beschäftigen wollen.

Doch nicht allen Vertretern der akademischen Geschichtswissenschaft ist wohl dabei. Der Berliner Historiker Wolfgang Hardtwig geht in seinem schmalen Bändchen „Verlust der Geschichte – oder wie unterhaltsam ist die Geschichte?“ (Vergangenheitsverlag. 91 Seiten. 10,90 Euro) der Frage nach, welche Rolle in einem solchen an Unterhaltung ausgerichteten Verständnis von Historie noch Aspekte wie Erkenntnissuche, Wahrheit und Quellentreue spielen. Hardtwig wendet sich unter anderem gegen Zeichner von Geschichts­comics, die sagen, „ihr Comic wolle nicht jedes Detail vermitteln, sondern vielmehr ein Gefühl für die Atmosphäre und den Alltag zur Zeit Dürers“. Es sei Aufgabe professioneller Historiker, hier als „Spielverderber“ aufzutreten. Allerdings müsste die Zunft akzeptieren, „nur noch einer, und zwar ein sehr kleiner Anbieter auf dem boomenden Geschichtsmarkt“ zu sein.

Hardtwig selbst geht mit gutem Vorbild voran und hat gemeinsam mit dem Historiker und Verleger Alexander Schug den Sammelband „History Sells! Angewandte Wissenschaft und Markt“ (Franz Steiner Verlag. 448 Seiten. 44 Euro) herausgegeben. Aufsätze sind Themen wie „Geschichte und Computerspiele“ oder „Kommerzialisierung nationaler Gedächtniskultur“ gewidmet. Ein Thema in diesem lehrreichen, breit gefächerten und nicht nur an ein akademisches Publikum gerichteten Band ist auch der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten.

Schug selbst ist ein Beispiel für einen neuen Typ von Historiker. Er hat die „Vergangenheitsagentur“ gegründet, die sich als „Dienstleister in Sachen Vergangenheit“ versteht. Im Angebot: private Familiengeschichten, der Blick ins Firmenarchiv, „History Marketing“. Geschichte wird zur Auftragsarbeit. Ist das schlimm? Nein, schreibt Daniel Schläppi in dem Sammelband – wenn eine Bedingung gewährleistet sei: „In jedem Fall verlangt das Berufsethos unbedingte Faktentreue.“

Kann ein Historiker, der von einer Firma einen Auftrag erhält, die Unternehmensgeschichte zu schreiben, noch kritisch und vernünftig urteilen? „Die Anwendungsorientierung geht konsequent mit einem Totalausfall historischer Grundlagenreflexion einher“, hat Magnus Klaue kürzlich geschrieben. Für ihn ist der Prototyp des Historikers, der sich „zum neofeudalen Hofschreiber“ verwandelt hat, der Leiter des Zentrums für Angewandte Geschichte (ZAG) in Erlangen, Gregor Schöllgen.

Dieser finanziert sein Institut mit Auftragsarbeiten für die Wirtschaft und will nach eigener Aussage seine Studenten lehren, „dass man Geschichte kapitalisieren kann“. Auf den Vorwurf, Historiker wie er nähmen es nicht so genau mit der Wahrheit, antwortet Schöllgen nachvollziehbar: „Die Verantwortung liegt nicht beim Auftraggeber, sondern beim Forscher.“ Und er ergänzt: „Wir sind nicht daran interessiert, unseren Ruf zu gefährden.“

Dass die Frage nach dem „Verlust der Geschichte“ keineswegs neu ist, lässt sich schon bei Reinhart Koselleck nachlesen. Doch vor 40 Jahren war das Problem weniger zu viel öffentliches Interesse, eher das Gegenteil: „Das Missbehagen über die Langeweile des Geschichtsunterrichts an den Schulen, über den Lehrbetrieb an den Universitäten, über die mangelhafte Rückbindung der Forschung in die gesellschaftliche Öffentlichkeit – dies Missbehagen ist unverkennbar und veranlasst unsere Frage: Wozu noch Historie?“

Carsten Dutt hat Aufsätze des 2006 verstorbenen Koselleck, der als einer der wichtigsten Historiker des 20. Jahrhunderts gilt, in dem Band „Vom Sinn und Unsinn der Geschichte“ (Suhrkamp. 388 Seiten. 32 Euro) zusammengestellt. Manche Texte erscheinen erstmals, andere wie der zitierte Aufsatz „Wozu noch Historie?“ zählen zur Pflichtlektüre eines jeden Historikers. Die Texte sind gleichzeitig ein Paradebeispiel für eine akademische Geschichtswissenschaft, die sich dem „normalen Leser“ nicht öffnet. Denn so brillant Kosellecks Mischungen aus konkretem Beispiel und geschichtsphilosophischen Betrachtungen auch sind, leicht verständlich sind sie nicht.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Bestseller-Verfilmung „Eat Pray Love“ mit Julia Roberts in der Hauptrolle hat mit seiner Charmeoffensive aus dem Stand die Spitze der deutschen Kinocharts erobert.

28.09.2010

Einst war sie ein blonder Hollywood-Star, doch heute kennt man sie als die alte Rose aus James Camerons „Titanic“-Film von 1997. Gloria Stuart spielte darin eine 100-Jährige. Jetzt ist sie gestorben: mit 100.

28.09.2010
Kultur Markuskirche Hannover - Quilisma Jugendchor singt Brahms

Der Quilisma Jugendchor Springe singt in der hannoverschen Markuskirche seine ganz eigene Interpretation von Brahms „Deutschen Requiem“ - und weiß das Publikum damit zu begeistern.

Stefan Arndt 28.09.2010