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„Provokation langweilt mich“

Gespräch mit Regisseur Dietrich Hilsdorf „Provokation langweilt mich“

Vom Bürgerschreck zum Altmeister: Dietrich Hilsdorf inszeniert „Rusalka“ an der Staatsoper Hannover. Der Regisseur ist dafür bekannt, Stücke zu inszenieren, die abseits des üblichen Repertoires stehen.

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Der Regisseurs Dietrich Hilsdorf inszeniert zum ersten Mal in Hannover.

Quelle: Michael Wallmueller

Hannover. Fast ist der Mann eine Legende. Zumindest aber gehört Dietrich Hilsdorf zum festen Inventar der deutschen Theaterlandschaft. Seit 1978 bringt der Regisseur Opern, Theaterstücke und Musicals auf die Bühnen der Republik – oftmals gerade auf die, die etwas abseits des überregionalen Rampenlichts liegen. Eine Hilsdorf-Inszenierung, das hat sich herumgesprochen unter den Intendanten, verbindet Anspruch und Unterhaltung, sie gefällt Publikum und Kritikern gleichermaßen. Anders gesagt: Seine inzwischen mehr als 150 Arbeiten sind oft überdurchschnittlich gut.

Umso erstaunlicher, dass Hilsdorf bislang weder in Hannover noch im sonstigen Niedersachsen gearbeitet hat. Erst jetzt, in einem Alter, in dem andere in Rente gehen, entdeckt er die Region für sich: Ende der vergangenen Spielzeit hat er mit einer sehenswerten Inszenierung von Werner Egks „Peer Gynt“ am Staatstheater Braunschweig eine Lanze für diese halb vergessene, halb verdrängte Oper gebrochen. Zum Auftakt der neuen Saison zeigt Hilsdorf nun in Hannover Antonín Dvoráks Märchenoper „Rusalka“. Premiere ist am Sonnabend, 26. September.

Wenn man den Regisseur nach den Gründen fragt, warum er sich jahrzehntelang rargemacht hat und nun gleich zum niedersächsischen Doppelschlag ausholt, bekommt man eine Ahnung davon, was die Faszination dieses Mannes und seiner Arbeit ausmacht: Hilsdorf ist radikal ehrlich. „Ich hatte keine Aufträge mehr“, beschreibt er seine Situation vor zwei Jahren.

Zum ersten Mal in seiner Karriere sei sein Terminkalender vollkommen leer gewesen. „Da habe ich Briefe geschrieben, wie ein Anfänger – unter anderem nach Hannover und Braunschweig.“ Es erscheint paradox: Hilsdorf stand mit 65 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere, war geachtet wie nie zuvor – und anscheinend weniger gefragt denn je. Trotzdem schwingt keine Bitterkeit mit, wenn er heute davon erzählt.

Vielleicht auch, weil die meisten seiner Briefe – anders als solche von Anfängern – sehr schnell positiv beantwortet wurden. In Hannover hat Intendant Michael Klügl dem Regisseur sogar verschiedene Stücke angeboten, sodass Hilsdorf auswählen konnte. Von „Rusalka“ hatte er allerdings nur einen vage negativen Eindruck: „Ich konnte mich vor allem an Produktionsfotos vor einem Theater erinnern: seltsam naive Figuren mit langen Haaren und wallenden Gewändern. Das erschien mit furchtbar“, sagt er.

Aber dann habe er gesehen, dass von ihm geschätzte Kollegen wie Martin Kušej und Stefan Herheim das Stück unlängst auch inszeniert hatten. „Da wusste ich, dass das nicht nur ein Märchenstück für die Familie sein konnte.“ Hilsdorf sagte Klügl zu.

Bei der Auswahl seiner Stücke hat der Regisseur generell eine ungewöhnliche Herangehensweise. Sein wichtigstes Kriterium: keine Wiederholungen. „Ich liebe es, Neues zu machen“, sagt Hilsdorf. Immerhin packt ihn manchmal die Sammelleidenschaft. Gerne würde er etwa sämtliche Opern von Verdi in Szene setzen. „Allerdings wollen alle immer nur dieselben Stücke. ,Attila‘ ist auch eine tolle Oper – aber das fällt niemandem ein.“ Trotzdem hofft er, dass er die 24 Verdi-Werke „noch alle voll kriegt in diesem Leben“.

Ansonsten ist Hilsdorf bei den Stücken, die er inszeniert, ebenso wenig zimperlich wie bei der Wahl seiner Worte: Selbst „Carmen“ – für ihn ein „scheußliches Machwerk“ mit „Musik für geistige Tiefflieger“ – hat er schon auf die Bühne gebracht: „Weil es noch schlimmer geworden wäre, wenn es jemand anderes gemacht hätte.“ In solchen Sätzen klingt noch der Bürgerschreck durch, den Hilsdorf lange auf der Bühne gegeben hat.

Heute erscheint ihm das allerdings fremd. „Provokation langweilt mich“, sagt er. Und wird schon empfindlich, wenn historische Stoffe ohne Umstände in die Gegenwart gerückt werden. „Ein Handy hat in einer Oper aus dem 19. Jahrhundert nichts zu suchen“, schimpft er. „Man muss genau sein in solchen Dingen. Details und eine sinnliche Ausstattung sind ungeheuer wichtig.“

Der Kinoregisseur Stanley Kubrick ist ihm in diesem Sinn ein Vorbild. Bei „Rusalka“ fühlt Hilsdorf sich allerdings an einen anderen Hollywood-Meister erinnert: Zur Vorbereitung auf die Proben hat er an die Sänger DVDs mit Hitchcock-Filmen wie „Rebecca“ und „Vertigo“ verteilt. Gemeinsam mit Bühnenbildner Dieter Richter, mit dem Hilsdorf seit Jahren eng zusammenarbeitet, hat er nach langer Suche endlich den richtigen Schauplatz für seine Inszenierung gefunden – ein Schloss an der Moldau. „Das Bühnenbild ist der Klangraum für die Oper“, sagt er – und spricht vom feuchten Keller im Schloss. Es klingt nach einem spannend-düsteren Opernabend.

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