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Kultur Geteiltes Echo auf Rock-Musical „Nackt“
Nachrichten Kultur Geteiltes Echo auf Rock-Musical „Nackt“
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10:56 01.11.2009
Die beiden Darsteller Kristin Graf und Florian Hacke proben im Musicaltheater Bremen die Szene 4 mit einer jungen Frau und einem Sohn in dem Rocktheater „Nackt!“. Quelle: lni

Wilde Begierde, entfesselte Lust und schamlose Verführung. Jede treibt es mit jedem - egal, aus welcher Schicht. So geht es in Arthur Schnitzlers „Reigen“ zu. Als das Drama 1903 erstmals veröffentlich wurde, brach eine Woge der Empörung los. Die Wiener Zensurbehörde verbot seine Aufführung wegen Unsittlichkeit. Mehr als 100 Jahre später ist das Stück nun in Bremen auf der Bühne zu sehen - und zwar als Rock-Musical. Am Sonnabend feierte „Nackt“ im Musical Theater Weltpremiere. Die Zuschauer sahen heiße Sex-Szenen, brutale Fesselspiele und eine Vergewaltigung, begleitet von lautem Punkrock. Doch der Skandal blieb aus.

Dabei hatte das Musical schon vor seiner Aufführung für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Überall in der Stadt ließen die Macher um den Regisseur Christian von Götz („Capriccio“, Köln) und den Komponisten Brandon Ethridge („We will rock you“, Köln) Plakate aufhängen, auf denen eine nackte Schönheit rücklings auf einem Stuhl lag, die Beine weit gespreizt. Sogar die „Bild“-Zeitung fragte ungewohnt spießig: „Wie nackt darf ein Theater-Plakat sein?“. Auf einer Pressekonferenz versprach das Ensemble außerdem allen nackten Zuschauern freien Eintritt. Als dann zahlreiche FFK-Clubs ihr Kommen ankündigten, ruderte von Götz zurück. Nackte solle es nur auf der Bühne geben - und die gibt es reichlich.

Gleich am Anfang betreten die acht Hauptdarsteller hüllenlos die Bühne, um sich vor den Augen des Publikums anzuziehen. Danach beginnt der Liebesreigen, ähnlich wie ihn Schnitzler dichtete. In zehn Szenen treffen zehn Paare aufeinander. Die Hure treibt es mit dem Soldaten, der Soldat mit dem Au-pair-Mädchen, diese mit dem Sohn und so weiter, bis sich am Ende der Kreis mit der Hure und einem Politiker schließt. Mehr als dieses System habe das Musical jedoch mit dem „Reigen“ nicht gemein, betont von Götz. „Es gibt keinen Schnitzler-Text, der gesprochen wird. Wir haben über den „Reigen“ ein Stück geschrieben, das wir mit Punkrock zersetzen.“

Dort, wo Schnitzler mit drei Punkten die Sex-Szenen nur andeutete, wird von Götz’ Interpretation konkret. Mal tänzerisch stilisiert, mal laut stöhnend und in voller Länge geben sich die Paare einander auf der Bühne hin. Sie stellen die Liebe in all ihren Facetten dar. Neben leidenschaftlich und romantisch ist sie auch traurig, komisch, naiv, unbeholfen, gemein und zerstörerisch. „Wir zeigen das, was in Hollywood-Filmen nicht vorkommt“, sagt die Schauspielerin Judith Hoersch, die das Au-pair-Mädchen und die Schülerin mimt.

Als letztere ist sie in einer minutenlangen Vergewaltigungsszene zu sehen. „Das war schon grenzwertig“, meint die Zuschauerin Svenja Teiwes nach der Vorführung. „Das war der Moment, wo ich überlegt habe, ob ich bleibe oder gehe.“ Auch andere im Publikum waren nicht überzeugt. Am Ende spendeten sie nur kurz Applaus und verließen schnell den nicht ausverkauften Saal. Doch es gab auch begeisterte Stimmen. „Ich fand, dass es gut dargestellt war“, sagt Vera Grund. „Es war nicht anstößig, und ich würde mich als prüde bezeichnen“, betont Gerd Christiansen.

Während Schnitzler mit seinem „Reigen“ die Doppelmoral in der Gesellschaft des Kaiserreichs anprangerte, geht von Götz mit einem Augenzwinkern auf heutige Klischees ein. So ist die Ehefrau ständig mit Putzen und Frust-Essen beschäftigt, der Sohn raucht und beschmiert Wände. „Wir spielen auch mit den Erwartungshaltungen“, sagt der Regisseur. In der vom Plakat bekannten Szene mit dem Stuhl verrenkt sich dann statt der nackten Schönen ein alternder Regisseur in hellem Anzug.

Bis Ende November sind sieben weitere Vorstellungen geplant.

Internet: Musicaltheater Bremen

lni

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