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Geteiltes Leid ist doppeltes Leid in „Die Einsamkeit der Primzahlen“

Filmkritik Geteiltes Leid ist doppeltes Leid in „Die Einsamkeit der Primzahlen“

Dieser Film soll wehtun. Zwei Stunden lang dreht sich alles um Einsamkeit und Trauer, um Verletzungen von Körper und Seele. Ja, eine Liebesgeschichte steckt auch drin in dem Melodrama „Die Einsamkeit der Primzahlen“, aber eine, die wenig Chancen auf Erfüllung hat.

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Das Glück ist anderswo: Mattia (Luca Marinelli) und Alice (Alba Rohrwacher).

Quelle: NFP

Denn Alice (Alba Rohrwacher) und Mattia (Luca Marinelli) werden beide gepeinigt von Tragödien aus ihrer Kindheit, die sie auch im Erwachsenenalter nicht loslassen. Der Schmerz ist das alles überwölbende Gefühl für die beiden.

Ganz langsam enthüllt Regisseur ­Saverio Costanzo, was seine beiden Protagonisten bedrängt: Die kleine Alice raste, gedrängt von ihrem Vater, eine Skipiste hinunter, geriet in eine Nebelbank, verunglückte schwer und hinkt seitdem. Von Mitschülerinnen wurde Alice in einem Maße gehänselt, das Folter gleichkam. Sie hungert sich auf ein Gerippe herunter, so als könnte sie sich der Last der Vergangenheit durch Abmagern entledigen.

Mattia ließ als Achtjähriger seine geistig behinderte Zwillingsschwester auf einer Parkbank zurück. Er wollte alleine auf eine Kinderparty gehen und sich nicht um seine Schwester kümmern müssen. Dabei hatte seine Mutter (Isabella Rossellini) ihm ausdrücklich aufgetragen, auf das Mädchen aufzupassen. Die Schwester verschwand damals spurlos, Schuldgefühle begleiten Mattia seither. Ein oder zweimal erhascht man in diesem Film einen Blick auf seine Unterarme: Sie sind übersät mit tiefen Narben.

Im Teenageralter lernen sich Alice und Mattia kennen. Sofort fühlen sich die beiden Seelenverwandten zueinander hingezogen. Und doch ist das Trennende stärker als das Gemeinsame. Daher rührt auch der Filmtitel: Primzahlen lassen sich nur durch sich selbst und durch eins dividieren. Die jungen Leute sind nicht in der Lage, ihre Gefühle miteinander zu teilen. Die beiden verlieren sich erst einmal aus den Augen, Mattia studiert Physik im Ausland. Alice bleibt in Italien und heiratet einen anderen Mann – nur um bald noch unglücklicher zu sein.

Am 11. August startet das Drama „Die Einsamkeit der Primzahlen“ mit Isabella Rossellini in den deutschen Kinos.

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In der Literatur war so viel Traurigkeit Erfolg beschieden: Der italienische Autor Paolo Giordano – von Haus aus studierter Physiker – feierte vor drei Jahren mit seinem Roman „La solitudine dei numeri primi“ ein sensationelles Debüt. Das Buch verkaufte sich mehr als 1,5 Millionen Mal allein in Italien und damit häufiger als jedes andere in jenem Jahr. Inzwischen ist der Roman in 26 Ländern herausgekommen und fand auch in Deutschland viele Leser.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Filmemacher sich des Bestsellers annehmen würde. Nun erzählt der italienische Regisseur Costanzo auf drei Zeitebenen über mehr als zwanzig Jahre und mit jeweils drei Schauspielern von Alice und Mattia. Der Buchautor war als Drehbuchautor dabei – und doch ist ein ganz anders temperiertes Werk herausgekommen.

Schwer lässt Costanzo das Leid auf dem Film lasten, ein wenig zu schwer. Die bombastische Musik versetzt den Zuschauer in eine permanente Alarmbereitschaft und lässt ihn bei diesen knapp zwei Kinostunden irgendwann ermatten. Wäre da nicht das herausragende Darstellerensemble, das dieser geballten Ladung Leid Glaubwürdigkeit verleiht, wäre der Film wohl nur schwer verdaulich.

Die Schauspieler, die die Erwachsenenrollen spielen, haben sich dem Schmerz auch körperlich ausgesetzt: Alba Rohrwacher, Italiens neuer Shootingstar („Mein Bruder ist ein Einzelkind“, „Was will ich mehr“) hungerte sich zehn Kilo für die Rolle herunter, Luca Marinelli legte 15 Kilo zu. Den beiden gelingt es zumindest für einige Momente, dem Stoff ein wenig Tragik zu nehmen.

Am Ende gönnt der Regisseur – anders als der Buchautor – seinen beiden Protagonisten ein winziges Zeichen der Hoffnung. Und doch bleibt Melancholie. Der italienische Regisseur mag ein großer visueller Poet sein, wie auch die zahlreichen düsteren Tableaus beweisen, aber das allein macht den Kinozuschauer auch nicht glücklich in diesem traurigen Film.

Weniger wäre mehr: Geballte Ladung Traurigkeit. Kinos am Raschplatz.

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