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Gezeichneter Rückblick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte

„Deutschland. Ein Bilderbuch“ Gezeichneter Rückblick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte

Das Bilderbuchland: Isabel Kreitz blickt in „Deutschland. Ein Bilderbuch“ auf die deutsche Nachkriegsgeschichte zurück und zeichnet eine sehr subjektive Sicht der Geschichte – häufig mit ironischen Wendungen.

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„Deutschland. Ein Bilderbuch“: EIn gezeichneter Rückblick von Isabel Kreitz.

Quelle: Dumont Buchverlag

Welches Ereignis charakterisiert das Jahr 1967? Der Zeichnerin Isabel Kreitz fällt die Szene ein, in der Willy Brandt das Farbfernsehen mit einem symbolischen Knopfdruck startete. Nein, es sind nicht immer die Haupt- und Staatsaktionen, die Kreitz für ihre gezeichnete Nachkriegschronik „Deutschland. Ein Bilderbuch“ ausgewählt hat.

Sie bekennt sich zu einer subjektiven Sicht auf die deutsche Nachkriegsgeschichte – sie widmet (fast) jedem Jahr meist eine, gelegentlich auch mehrere Seiten und ignoriert dabei die Bedeutungshierarchie, die Zeithistoriker aufgestellt haben. Zum symbolisch überfrachteten Jahr 1968 erinnert sie daran, welche Verwirrung bei Handel und Konsumenten über die neu eingeführte Mehrwertsteuer herrschte. Sie interessiert sich für die alltägliche Perspektive, auch dann, wenn sie ganz bekannte Ereignisse wie den legendären Kennedy-Besuch in Berlin (1963) oder Demonstrationen in Brokdorf (1976) zum Thema hat.

Außenminister Brandt als Teil einer häuslichen Szene

Aus der „Dienerperspektive“ wird man Zeuge des 1989 stattfindenden Kohl/Gorbatschow-Treffens, an dessen Rand ein deutscher und ein russischer Chauffeur sich über ihre jeweiligen Autos unterhalten. Zur Festnahme des DDR-Spions Günter Guillaume 1974 blickt sie in die Kantine der Stasizentrale, in der der Auftritt der DDR-Mannschaft in der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft das Hauptthema ist. Und der symbolische Start des Farbfernsehens durch Außenminister Brandt ist Teil einer häuslichen Szene, bei der eine Familie vor dem Schwarz-Weiß-Gerät sitzt – und dabei erinnert wird, dass das noch gar nicht abbezahlt ist.

Diese ironischen Wendungen sind häufig, ohne dass die Zeichnungen einem betont satirischen Impetus folgen. Spürbar ist die ironische Sympathie, die Kreitz für die Deutschen, zumindest die meisten, hat. Der Blick in die Kneipen oder Wohnzimmer der ärmlichen Anfangsjahre der Bundesrepublik weckt bei Älteren intensive Erinnerungen. Kreitz schafft mit ihrer Detailgenauigkeit bei den Kleidungs- und Einrichtungsstilen eine dichte historische Atmosphäre – Schwächen liegen eher bei den arg kantigen Porträts der zeitgeschichtlich bedeutsamen Personen.

Eine der Besten ihres Fachs

Die 1967 geborene Kreitz gehört in Deutschland schon seit mehr als einem Jahrzehnt zu den Besten ihres Fachs. Sie hat sich nicht nur historischer Themen wie Fritz Haarmanns Mordserie (zusammen mit Peer Meter) oder der Biografie des deutschen Sowjetspions Richard Sorge angenommen. Sie zeigt auch, was das immer noch unterschätzte Genre der „Graphic Novel“, der gezeichneten Romanadaption, leisten kann, wenn man beispielsweise ihre Version von Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ durchblättert.

Mit ihrem Geschichtsbuch „Deutschland“ bietet sie den Älteren die Gelegenheit, eigene Erinnerungen aufzufrischen. Es eignet sich aber durchaus auch als eine unterhaltsame Grundlage, um Jugendliche für die neueste Vergangenheit zu interessieren.

Isabel Kreitz: „Deutschland. Ein Bilderbuch“. Dumont. 112 Seiten, 19,99 Euro.

Karl-Ludwig Baader

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