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Gibt es das Abitur bald ohne Goethes Faust?

Debatte um Curriculum Gibt es das Abitur bald ohne Goethes Faust?

Gibt es in Deutschland das Abi bald ohne Goethes Meisterwerk Faust? Ein Deutsch-Curriculum für die gymnasiale Oberstufe hat die Kanon-Diskussion neu entflammt.

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In seiner Paraderolle: Gustav Gründgens (Mitte) 1960 in einer Aufführung des Deutschen Schauspielhauses Hamburg als Mephisto.

Quelle: dpa

Ist „Faust“ unverzichtbar? Welche Werke der deutschen Literatur dürfen keinesfalls in Vergessenheit geraten? Was sollten deutsche Abiturienten unbedingt gelesen haben? Diese Fragen geistern seit Jahrzehnten durch die Bildungsdebatte und erhitzen die Gemüter stets neu. Besonders provokativ drückte es Marcel Reich-Ranicki aus. „Der Verzicht auf einen Kanon würde den Rückfall in die Barbarei bedeuten“, erklärte der streitbare Literaturkritiker vor einigen Jahren.

Hätte Reich-Ranicki recht, stünde Niedersachsen bereits vor den Scherben der Zivilisation. Denn das niedersächsische Kultusministerium verzichtet seit den siebziger Jahren schon auf die Festschreibung eines Literaturkanons. Ein „Kerncurriculum“ für das Fach Deutsch, das nach der Verkürzung der Oberstufe nötig geworden war und nach den Sommerferien in Niedersachsen in Kraft tritt, hat nun die Diskussion neu belebt. Sogenannte „Pflichtmodule“ legen in den Richtlinien des niedersächsischen Kultusministeriums verbindlicher als bisher fest, was in der elften und zwölften Klasse im Deutschunterricht zu behandeln ist. Im ersten Halbjahr beginnt es mit „Literatur und Sprache um 1800“ und dem dazu gehörenden Pflichtthema „Aufklärung und Romantik im Vergleich“. Danach soll sich alles um das Drama und seine Gestaltungsmittel drehen. Welche Stücke behandelt werden, bleibt den Lehrern freigestellt – es sei denn, die Fachkonferenz entscheidet sich für einen schulinternen Lektürekanon.

Im zweiten Halbjahr ist „Literatur und Sprache um 1900“ und die „Vielfalt lyrischen Sprechens“ dran, im dritten Halbjahr „Literatur von 1945 bis zur Gegenwart“ sowie „Reflexion über Sprache und Sprachgebrauch“. Den Abschluss bildet im vierten Kurshalbjahr das Rahmenthema „Filmisches Erzählen“. Eine Innovation im gymnasialen Deutschunterricht, die dem Umstand Rechnung trägt, dass Schüler immer mehr Filme sehen, anstatt Bücher zu lesen. Es gilt also, den Blick für die bewegten Bilder zu schärfen.

„Bestimmte Lernfelder stehen nicht mehr zur Disposition, wir haben mehr Verbindlichkeit geschaffen“, sagt Rolf Bade, Referatsleiter im niedersächsischen Kultusministerium. Viele Schulen klagen nun darüber, dass die Stofffülle nicht zu stemmen ist und die Konkretisierung der allgemeinen Vorgaben eine erhebliche Mehrarbeit nach sich zieht. Denn zusätzlich zu den verbindlichen „Pflichtmodulen“ müssen die Lehrer zu jedem der sieben vorgegebenen Rahmenthemen ein „Wahlpflichtmodul“ behandeln. Dabei können sie sich jeweils aus einem Topf von acht Vorschlägen bedienen. Zur Literatur um 1800 wird zum Beispiel „Sturm und Drang“ als Ergänzung empfohlen, als Angebot zum Themenfeld Drama gehört „Goethes Faust“. Die Auswahl bleibt den Schulen vorbehalten.

Eingeschränkt wird die Wahlfreiheit jedoch durch die Vorgaben, die sich aus dem Zentralabitur ergeben. Abhängig von der jeweiligen Aufgabenstellung sind an allen Gymnasien bestimmte Texte vorgeschrieben. Vorbereitend zur Abiturprüfung 2012 etwa sind Dürrenmatts „Physiker“ ebenso Pflicht wie ein „Zeit“-Essay von Helmut Schmidt zur „Gesellschaftlichen Moral des Wissenschaftlers“, zudem fünf Liebesgedichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart.

Ob niedersächsische Gymnasiasten im Verlauf ihrer Schulzeit aber jemals ein Drama von Goethe, Schiller oder Brecht, einen Roman von Theodor Fontane oder Thomas Mann oder eine Kafka-Parabel lesen, bleibt im Ermessen ihrer Schule oder ihres Lehrers. Selbst wenn sie sich für Deutsch auf „erhöhtem Niveau“ entscheiden, sind die Chancen nicht groß, dass ihnen ein breit gefächerter Literaturüberblick vermittelt wird. Denn Deutschunterricht in der Oberstufe beschränkt sich grundsätzlich auf vier Wochenstunden, und für die gesamten zwei Jahre schreibt das Kultusministerium nur mindestens fünf „Ganzschriften“ vor – wozu nicht nur Romane oder Dramen, sondern auch „längere Erzählungen“ gehören.

Es geht nicht um Literaturkenntnisse, sondern um „Kompetenzen“ – und die sind oft nur sehr unscharf umrissen. So sollen die Schüler „die Mehrdeutigkeit literarischer Texte erkennen“. Was aber heißt das im Einzelfall? Dass es darum geht, die Lust am Lesen zu steigern, steht nirgendwo geschrieben. Stattdessen ist von „ästhetischer Genussfähigkeit“ die Rede.

Noch allgemeiner sind die Lernziele für die Sekundarstufe I beschrieben. „Das ist total schwammig“, findet Horst Audritz, Deutschlehrer am Schlossgymnasium Wolfenbüttel und Landesvorsitzender des Philologenverbands. „Es fehlt einfach der Mut zu sagen, was gymnasiale Bildung ausmacht.“

Marlene Stahl-Busch, Sprecherin der Kommission, die das Deutsch-Curriculum erarbeitete, führt dagegen ins Feld, dass zwischen den Gymnasien große Unterschiede bestehen. Der Deutschunterricht habe Rücksicht darauf zu nehmen. „Wir müssen den Schulen die Möglichkeit geben, auf die Individualität ihrer Schüler einzugehen.“ Zudem könne es auch von Nachteil sein, wenn ein Literaturkanon über viele Jahre festgeschrieben werde. „Es ist wichtig, dass die Schulen den Spielplan des örtlichen Theaters in die Unterrichtsplanung einbeziehen können.“ Auch für runde Geburtstage von Autoren oder aktuelle Ereignisse müsse Spielraum sein.

Dies spiegelt sich auch in den Vorgaben der Kultusministerkonferenz. Auch hier dreht sich alles nur um die Vermittlung von Kompetenzen. Nur Bayern und Hessen halten an Goethes „Faust“ als Pflichtlektüre für alle Gymnasiasten fest.

Von Heinrich Thies

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