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Die Memoiren eines Monty-Python-Urgesteins

„Gilliam­esque“ Die Memoiren eines Monty-Python-Urgesteins

Monty Python wäre ohne Terry Gilliam nicht denkbar, nun hat der Regisseur und Cartoonist seine Autobiografie „Gilliam­esque“ vorgelegt. Die „präposthumen Memoiren“ von Terry Gilliam sind schrill illustriert und wunderbar chaotisch erzählt.

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Terry Gilliam hat seine Memoiren veröffentlicht.

Quelle: dpa

Was kann aus einem Knaben werden, der vor lauter Hektik gleich sein erstes Konterfei als Säugling verwackelt? Den sein Vater auf einem an die Stoßstange gebundenen Reifen durchs verschneite Minnesota zerrt? Und dem beim Schneehöhlenbau in der  eisigen Ödnis des Mittleren Westens erst der Urin des eigenen Hundes und dann dieser selbst auf den Schädel träufelt? Nun, ganz erstaunlich viel. Das kann man nach der Lektüre von „Gilliam­esque“ sagen. Denn der Autor dieser Autobiografie ist Terry Gilliam, der seine „präposthumen Memoiren“ ebenso schrill illustriert und genauso wunderbar chaotisch erzählt,  wie es die postnatal so prompt einsetzende Hektik dieser Kultfigur ahnen lässt.
Denn eine Kultfigur ist Gilliam als Mitgründer von Monty Python, jener Comedy-Truppe, die die Welt lehrte, zu welchen Höhenflügen britischer Humor imstande ist. Dass ein Mitglied dieses Sextetts damals nicht einmal Brite war, dürfte selbst für manchen Fan eine  Überraschung sein. Überraschend ist an „Gilliamesque“ aber vor allem, wie weit die kindliche Lektüre von Bibel und Gebrüdern Grimm, von Disney- und von „Mad“-Heften („Das vernünftigste Magazin der Welt“) einen Menschen aus der amerikanischen Provinz herausführen kann. Denn ein Kind der Provinz bleibt er zunächst auch, als seine Eltern mit ihm in eine Aluminium-Serienhaus-Siedlung von Panorama City in Los Angeles ziehen.

Monty Python wäre ohne Terry Gilliam nicht denkbar, nun hat der Regisseur und Cartoonist seine Autobiografie vorgelegt. Gilliams Werke im Wandel der Zeit.

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Terry Gilliams erster Selbstbefreiungsschlag (nach einem, trotz Presbyterianer-Stipendiums, abgebrochenen Studium) ist der Wechsel nach New York, wo er für „Mad“-Gründer Harvey Kurtzman als Cartoonist beim Magazin „Help!“ arbeitet, das Mitte der Sechzigerjahre zum Mekka des Underground-Cartoons wird. Unter den Mitarbeitern ist damals außer einem gewissen Robert Crumb auch der Brite John Cleese, der Gilliam später den Weg in die britische Comedy-Szene ebnet und dann mit ihm zusammen zur Monty-Python-Truppe zählt.

All das lässt sich nun in Gilliams Biografie nachlesen, die außer mit seinen Fotos vor allem mit Gilliams zahlreichen Zeichnungen illustriert ist. Schließlich hat er schon Karikaturen für die Schülerzeitung geliefert. Und vom Storyboard bis zur Danksagung an seine Filmteams zeichnet er bis heute.

Auch zu „Monty Python’s Flying Circus“ hat Gilliam zunächst vor allem Cartoons und Trickfilme beigetragen. Die dafür nötigen Zutaten fasst er ebenso bündig wie bescheiden zusammen: „Eine Mischung aus Schlafmangel, Zeitmangel, Geldmangel und mangelndem Talent war entscheidend für mein Œuvre.“ Humor ist halt, wenn man trotzdem lacht. Das weiß man schon, doch von der Monty-Python-Truppe bekommt man es vor Augen geführt – mit viel Klamauk und Spott, nicht zuletzt über sexuelle Prüderie oder religiöse Tabus. Von dieser Spottlust zeugen auch die Monty-Python-Filme „Das Leben des Brian“ und „Der Sinn des Lebens“.

Gilliam macht in seiner späteren Arbeit als Regisseur aber auch die beklemmende Enge der amerikanischen Provinz und das repressive Klima unter Reagan in den USA und Thatcher in Großbritannien zum Thema. Dass sein politischster Film „Brazil“ (1985), die düstere und zugleich vor bitterer Komik strotzende Dystopie einer totalitären Gesellschaft, nur durch einen zähen Kampf halbwegs unzensiert in die US-Kinos gelangte – das war dem US-Filmkritiker Jack Matthews ein eigenes Buch wert („The Battle of Brazil“). Dass Gilliam sich dennoch einen fast kindlichen Sinn für Märchenhaftes, Zauber und Illusionen bewahren konnte, das hat uns so fantastische Filme wie „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ oder „Brothers Grimm“ beschert.  

Wie sehr er auch nach der Auflösung der Monty-Python-Truppe vom mit ihr erworbenen Ruhm zehrt, räumt der Autobiograf offenherzig ein. „Das Leben des Brian“ war nur mithilfe von George Harrison finanzierbar. Der Ex-Beatle war ebenso Monty-Python-Fan wie Sean Connery, Robert de Niro oder auch Johnny Depp, die aus diesem Grund gern in den Filmen von Terry Gilliam aufgetreten sind.

Gilliam hat auf diese Weise nicht nur  die Gnade internationaler Filmstars gefunden, begnadet ist er auch als Selbstironiker – von der ersten Seite, die „T.G.s bio(logisch abbaubare)grafie“ verspricht, bis zu den letzten Seiten, auf denen er begründet, warum er trotz zeitweiliger Altersdepression nicht auf die Therapeutencouch will: „Seinen Lebensunterhalt mit kreativer Arbeit zu verdienen, ist schon egozentrisch genug“, schreibt der 75-Jährige da und konstatiert, witzig und trotzig zugleich: „Sich auch noch einen imaginären Freund zu kaufen, um mit ihm seine Probleme zu besprechen, wäre der Gipfel der Egomanie.“ Allen Widrigkeiten der Wirklichkeit auch ohne Therapeut zu trotzen, das ist ja der Sinn des Witzes. Nicht nur für Gilliam.

Terry Gilliam: „Gilliamesque. Meine präposthumen Memoiren“. Heyne-Verlag. 300 Seiten  mit vielen farbigen Illustrationen, 26,99 Euro.

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