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"Zeit der Kannibalen" im Treppenhaus

Cumberlandsche Galerie "Zeit der Kannibalen" im Treppenhaus

Gipfelsturm der Unternehmensberater: Isabel Tetzner, Silvester von Hösslin und Dennis Pörtner spielen "Zeit der Kannibalen" von Johannes Naber und Stefan Weigl im Treppenhaus der Cumberlandschen Galerie.

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Quelle: Isabel Machado Rios

Hannover. Sie sind in Indien, in China, in Afrika. Sie machen Geschäfte, indem sie ihren Klienten sagen, wie die Geschäfte machen sollen. Sie leben in Hotelzimmern. Ab und zu sind draußen Schüsse zu hören. Aber das ist nicht das Problem von Frank Öllers und Kai Niederländer. Die beiden Unternehmensberater sind eher beunruhigt, weil ihr Kollege nicht mehr im Team ist.

Er sei aufgestiegen heißt es, er sei jetzt Teilhaber der Firma. Irgendwann kommt Ersatz für ihn ins Team: Bianca März. Am Ende stellt sich heraus: Sie soll Gutachten über ihre beiden Kollegen anfertigen. Fressen und Gefressen werden, darum geht es in "Zeit der Kannibalen“, einer Groteske von Johannes Naber (Regie) Stefan Weigl (Drehbuch). Der Film mit Devid Striesow, Sebastian Blomberg und Katharina Schüttler war sehr erfolgreich – eine freche, federleichte und sehr abgründige Groteske aus der Welt derer, die sich als Herren der Welt sehen.

Jetzt ist „Zeit der Kannibalen“ im alten Treppenhaus der Cumberlandschen Galerie zu sehen. Spielort ist ganz passend eine Treppe – schließlich geht es ja um Auf- und Abstieg. Aber Regisseur Paul Schwesig will das Kammerspiel aus der Endphase des Kapitalismus ins ganz Große (und Allgemeine) ziehen. Bei ihm wird das Treppenhaus zum Hochgebirge. Und das Spiel vom Aufstieg zum Gipfelsturm. Die Darsteller ziehen unentwegt Tauwerk durchs Treppenhaus, das sie dann an Säulen und Geländern befestigen. Am Ende wird der Spielort zum Hochseilgarten.

Wenn sich die drei Berater mühsam an den Seilen entlanghangeln, kann man sich durchaus die Frage stellen: Muss das eigentlich sein? Und auch dieser Theaternebel, der die ganze Zeit durch Treppenhaus kriecht: Muss der sein? Und das leuchtende Gipfelkreuz aus Neonröhren, das am Ende im Kugelhagel zitternd erlischt: Muss das sein?

Eigentlich nicht. Eigentlich ist diese fortwährende Bekundung von Theatralität ganz überflüssig. Denn die Darsteller, die sind sehr stark. Silvester von Hösslin gibt seinen Frank Öllers als gelegentlich an der eigenen Eloquenz berauschten kalten Zyniker und wird ganz sanft, wenn er mit seinem kleinen Sohn telefoniert. Dennis Pörtner als Kai Niederländer mischt gekonnt ein bisschen Bauernschläue ins Managementsprech, und Isabel Tetzner ist eine wunderbar kühle Bianca März. Sie spielt mit einer gewissen Jodie-Foster-Überlegenheit, die sie immer wieder mit burschikosem Mädchencharme unterläuft.Sehr stark. Und absolut unklar, warum solche großartigen Schauspieler am Ende in Skiunterwäsche in einem vollgenebelten Hochseilgarten herumwanken müssen.

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