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Giuseppe Verdi schlägt James Bond

Oper im Kino Giuseppe Verdi schlägt James Bond

Oper im Kino? Das Britische Royal Opera House führt vor, wie das erfolgreich funktioniert. Am 10. Dezember ist die Londoner Inszenierung von Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ auch in Deutschland auf der Leinwand zu sehen.

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Großer Auftritt: Der Berliner Bassposaunist Stefan Schulz bei einer Konzertübertragung ins Kino.

Quelle: Ritterhaus

Hannover. Es wäre ja nicht weit. Gleich gegenüber, auf der anderen Seite des Covent Garden, könnte man auch in die echte Oper gehen. Gerade einmal acht Pfund kostet ein Platz auf der obersten Galerie im Londoner Royal Opera House; fürs Kino gegenüber muss man 15 Pfund bezahlen. Trotzdem ist das Kino voll - in Covent Garden genauso wie im ganzen übrigen Land. Seit das größte britische Opernhaus seine Aufführungen in Kinosäle überträgt, erlebt die altehrwürdige Kunstform Oper einen ganz neuen Aufschwung. Bis zu 70 000 Zuschauer kann eine Produktion dann auf einen Schlag in ganz England finden, sagt Sophie Wilkinson, die die Kinoproduktionen am Haus betreut. „An solchen Tagen schlagen Verdi und Mozart locker ,Die Tribute von Panem’ oder James Bond“, so Wilkinson.

Kein Wunder also, dass die Anspannung an diesem Premierentag noch höher ist, als das sonst der Fall wäre. Damiano Michielettos Inszenierung der Opernzwillinge „Cavalleria Rusticana“ und „Pagliacci“ wird schon kurz nach der Premiere in die Kinos von mehr als 70 Ländern auf dem gesamten Globus übertragen. Außer in England ist in Italien und Japan die Begeisterung für diese Form der Opernvorstellung besonders groß. In Deutschland läuft das Kinogeschäft mit der Kunst gerade erst an. Zwar gibt es schon seit einigen Jahren Opern-, Ballett- und Konzertübertragungen in den Kinos - aber erst jetzt haben sich die wichtigsten Akteure gefunden und beginnen, stärker für ihre Aufführungen zu werben.

Neben dem traditionsreichen Opernhaus aus London, das auch mit seiner berühmten Ballettkompagnie punkten kann, sind das die Metropolitan Opera New York und die Berliner Philharmoniker, die entschlossen diesen neuen Weg gehen. Auf dem Umweg über das Kino konnte die New Yorker „Met“, die ihrem glanzvollen Ruf zum Trotz zuletzt in eine schwere Krise geraten war, sogar einen erheblichen Teil des Zuspruchs zurückerobern, den sie verloren hatte.

Das Kinoprogramm

„Cavalleria Rusticana/Paliacci“: Die Produktion des Royal Opera House ist am Donnerstag, 10. Dezember um 20.15 Uhr unter anderem im Cinemaxx am Raschplatz zu erleben. Bereits am 16. Dezember steht Tschaikowskis „Nussknacker“ mit dem Ballettensemble des Hauses auf dem Programm. Zu den weiteren Produktionen der Saison gehören „Boris Godunow“ (21. März) und „Lucia Di Lammermoor“ (25. April). Karten: 29 Euro, ermäßigt 19 Euro.
Die New Yorker Met kommt ab 16. Januar mit Bizets „Perlenfischerin“ in die Kinos. Im weiteren Programm werden unter anderem „Madama Butterfly“ 
(2. April) und „Elektra“ (30. April) übertragen.
Die Berliner Philharmoniker sind in Hannover regelmäßig im Astor zu Gast: das nächste Mal zum Silvesterkonzert mit Simon Rattle und Anne-Sophie Mutter.     

Auch in London weiß man also um die erhebliche Wirkung einer Kinoübertragung. Trotzdem (oder gerade deshalb) hat der junge dänische Opernchef Kasper Holten jenen Regisseur mit der Inszenierung von „Cav“ und „Pag“, wie die Briten pragmatisch abkürzen, beauftragt, der dem Haus zuletzt einen handfesten Skandal beschert hatte. Ganz allein wird Damiano Michieletto dann auch nicht gelassen: Dem Italiener ist ein Ko-Regisseur beigestellt, der sich um die Wirkung auf der Leinwand kümmern soll.

Am Ende erweisen sich die Sorgen aber als unbegründet: Michieletto hat grundsolide Arbeit geleistet, die in keinem Land der Opernwelt auf Empörung stoßen wird. Er siedelt die Handlung im Italien der Siebzigerjahre an und spielt mit der kühlen Bildästhetik von damaligen Filmemacher wie Visconti und Pasolini. Zudem verschränkt er die Geschichte der beiden einzelnen Opern geschickt miteinander, indem er den Figuren des jeweils anderen Stücks in den Orchesterzwischenspielen auch schon ein szenisches Intermezzo gönnt.

Dass auch diese Inszenierung wie gemacht ist für die große Leinwand, dürfte aber nur einen kleineren Teil des Erfolges der Londoner Produktionen ausmachen: Auf der Bühne der Royal Opera erwartet das Publikum die größten Stimmen des internationalen Opernbetriebs. Im Falle von „Cav“ und „Pag“ sind das die Holländerin Eva Maria Westbroek als Santuzza und Aleksandrs Antonenko in als Turridu und Canio. Carmen Giannattasio, die im Sommer die Mimì des hannoverschen Klassik-Open-Air war ist hier als Nedda zu erleben. Befeuert werden diese luxuriösen Stimmen von Antonio Pappano, der hier seinem Ruf als hervorragender Operndirigent gerecht wird: So saftig, so zupackend und so unsentimental sind diese beiden Opernschocker nur selten zu hören. London ist weit weg. Der Weg ins nächste Kino lohnt sich aber auf jeden Fall.

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