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Göttinger Wallstein Verlag feiert 25-jähriges Bestehen

Buchmarkt Göttinger Wallstein Verlag feiert 25-jähriges Bestehen

Solide und qualitätsbewusst: 1800 Titel sind bislang im Göttinger Wallstein Verlag erschienen - eine ganze Menge dafür, dass Thedel von Wallmoden vor 25 Jahren nur Verleger wurde, um „kurzfristig Geld zu machen“.

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Die gut gelaunten Verleger Thorsten Arned (li.) und Thedel von Wallmoden.

Quelle: Heller

Die Arbeit eines Vierteljahrhunderts ist deutlich sichtbar: Die weißen Regale im Besprechungsraum des Göttinger Wallstein Verlags sind gut gefüllt mit den Büchern, die das Haus inzwischen herausgegeben hat. Dort stehen kultur- und literaturwissenschaftliche Titel, Briefwechsel, Bücher zum Judentum und zum Holocaust, Werkausgaben verschiedener Autoren, Romane, Lyrikbände, Dramen: An die 1800 Titel sind im Wallstein Verlag bislang erschienen, der in diesem Jahr 25 Jahre besteht und das am 17. Juni im ­Alten Rathaus Göttingen feiert. Dafür, dass Thedel von Wallmoden als Verleger anfing, um „kurzfristig Geld zu machen“, wie er nonchalant erzählt, ist das ein ziemlich langer Zeitraum. Und dafür, dass in dieser Zeit viele deutsche Verlage gegründet und noch mehr geschlossen wurden, erst recht.

Jetzt sitzt Wallmoden entspannt an ­einem überdimensionalen Arbeitstisch, für den man mehrere Tische im Besprechungsraum zusammengeschoben hat. Einen Designpreis gibt es für diese Konstruktion eher nicht, aber in dem Göttinger Verlag legt man mehr Wert auf gute und gut gemachte Bücher denn auf prachtvolle Büroausstattung.

1986 fingen Wallmoden und zwei Freunde als Verleger an, als sie – sehr erfolgreich – einen Kneipenführer für Göttingen herausbrachten. Zwei Jahre später folgte der Briefwechsel zwischen dem 1794 in Göttingen gestorbenen Schriftsteller Gottfried August Bürger und dessen Verleger Johann Christian Dieterich. Von Anfang an, so Wallmoden, wollte er Titel aus dem und über das 18. Jahrhundert und über die NS-Zeit publizieren – Bücher also aus der Zeit der Aufklärung und aus den Jahren, als die Errungenschaften der Aufklärung wie die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden.

Kooperation mit der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald

Mittlerweile hat der Verlag zahlreiche Bücher über Antisemitismus, Shoa und Exil herausgebracht. Viele dieser Titel wurden und werden in Kooperation mit Institutionen publiziert, darunter der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald und der israelischen Gedenkstätte Yad Va­shem. Insgesamt arbeitet Wallstein mit fast 30 Kooperationspartnern zusammen – für den Verlag ein wichtiges Standbein, denn die Partner finanzieren die Projekte mit und nehmen eine Mindestzahl von Exemplaren ab.

Doch das sei kein „Geschenk an den Verlag“, betont Mitverleger Thorsten ­Ahrend: „Das sind namhafte Institutionen, die mit einem namhaften Verlag zusammenarbeiten wollen.“ Wallstein, so Wallmoden und Ahrend selbstbewusst, biete die Qualität und Substanz, um für Partner wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die Schiller-, die Goethe- und die Rückert-Gesellschaft sowie die Lessing Akademie attraktiv zu sein.

Zumal es zahlreiche „Anknüpfungspunkte im Verlag“ (Ahrend) gebe; Schriften der Gedenkstätte Buchenwald passen gut in einen Verlag, der wichtige Werke der Holocaust-Literatur verlegt wie die Neuausgabe von Fred Wanders „Der siebente Brunnen“ und vor allem Ruth Klügers 1992 erschienenes Buch „weiter leben – Eine Jugend“. Die Erinnerungen der Auschwitz-Überlebenden und Literaturwissenschaftlerin wurden rund 300.000-mal verkauft.

Solides Wachstum über die Jahre

„Wir waren zu keiner Phase ein Hype-Verlag“, sagt Thedel von Wallmoden, vielmehr sei das Haus stetig und solide gewachsen. Neben den Kooperationen auch dadurch, dass man für andere Verlage Setzarbeiten ausgeführt hat. Die Veränderungen der Verlagslandschaft hat Wallstein so bislang gut überstanden – den Konzentrationsprozess ebenso wie den wachsenden Einfluss von Buchhandelsketten wie Thalia, die kleine und mittlere Buchhandlungen verdrängen.

Einen Umsatz von 2,5 Millionen Euro hat Wallstein im Vorjahr erwirtschaftet. In dem Verlag, der auf einer 450 Quadratmeter großen Etage einer ehemaligen Zahnklinik arbeitet, sind 18 Mitarbeiter beschäftigt. Pro Jahr erscheinen rund 120 Bücher, Anfang Juni etwa war ein Titel über die Tätigkeit der hannoverschen Rut- und Klaus-Bahlsen-Stiftung dabei.

Vor sechs Jahren fühlte man sich bei Wallstein finanziell stark genug, um ein Belletristik-Programm aufzubauen. Wallmoden holte dafür den ehemaligen Suhrkamp-Lektor Thorsten Ahrend ins Haus. Der mittlerweile 50-Jährige hält 20 Prozent der Verlagsanteile, Wallmoden 72 und die restlichen acht Markus Ciupke, der im Haus fürs Personalwesen zuständig ist. Ahrend setzt in der Belletristik die Wallstein-Linie fort: Qualität geht vor Quantität. Bestseller sind so nicht entstanden, aber anspruchsvolle Titel, die durchaus ihr Publikum finden, wie Lukas Bärfuss’ Roman „Hundert Tage“, Matthias Zschokkes Mailsammlung „Lieber Niels“ und Lyrikbände von Daniela Danz.

Keine Angst vor dem E-Book

„Mit diesen Autoren wollen wir gemeinsam deren Werk fortschreiben“, sagt Ahrend. Wallstein versteht sich als Verlag, der langfristig mit Schriftstellern arbeitet. Im Wettbieten um Manuskripte von Bestsellerautoren könnte das Haus sowieso nicht mithalten. So betont man in Göttingen anderes – etwa, dass Autoren des Hauses regelmäßig beim Klagenfurter Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis teilnehmen. Und dass „wir in 25 Jahren kein Buch gemacht haben, zu dem ich heute nicht mehr stehen könnte“, so Wallmoden.

In die Zukunft blicken er und sein Partner durchaus gelassen. Keine Angst vorm E-Book? Nein, die beiden geben sich eher neugierig, wie die Fragen zu den elektronischen Lesegeräten gelöst werden könnten. Wer wird mittelfristig tatsächlich E-Reader nutzen? Wann werden die Geräte, die jetzt noch mit unterschiedlichen Formaten laufen, vereinheitlicht? Wie lässt sich die Bezahlung von Texten im Internet sichern?

Noch mehr als diese Fragen interessiert Thedel von Wallmoden, wann und wie Autoren irgendwann die technischen Möglichkeiten eines elektronischen Lesegeräts für neue literarische Formen nutzen. Mit Jörg Albrecht, glauben die beiden Verleger, haben sie einen jungen, innovativen Schriftsteller im Programm, dem sie zutrauen, solche neuen literarischen Wege zu beschreiten.

Die Literatur- und Verlagslandschaft bleibt in Bewegung – und Wallstein, immer in verträglichem Maß, auch. „Wir sind noch nicht satt“, sagt Thorsten ­Ahrend. In den weißen Regalen im Besprechungsraum ist noch genügend Platz.

Martina Sulner

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