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00:15 13.10.2015
Von Simon Benne
Der Goldene Brief der Leibniz-Bibliothek aus dem Jahr 1756. Quelle: Finn
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Hannover

Mehr als zwei Jahrhunderte lag er in einem Bibliothekstresor. Am Sonnabend ist der Goldene Brief der Leibniz-Bibliothek von der Unesco zum Weltdokumentenerbe erklärt worden. „Wir freuen uns riesig über diese Entscheidung“, sagt Georg Ruppelt. Der Direktor der Leibniz-Bibliothek hatte den lange Zeit fast vergessenen Brief, der zu Hannovers größten Kulturschätzen zählt, erforschen lassen und vor vier Jahren erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Worum geht es in dem Brief?
Der birmanische König Alaungphaya verfasste das Schreiben an seinen hannoversch-britischen Kollegen Georg II. am „zehnten Tag des zunehmenden Mondes des Monats Kason des Sakkaraj-Jahres 1118“ - also am 7. Mai 1756. Er bot den Briten darin den Bau einer Handelskolonie in seinen Gefilden an.

Warum ist der Brief auf Gold geschrieben?
Als Zeichen der Wertschätzung für Georg II. verfasste der birmanische Herrscher seine Offerte auf einem 55 Zentimeter langen Streifen auf hauchdünnem Gold. Er ließ diesen mit 24 Rubinen besetzen, als Umschlag diente der ausgehöhlte Stoßzahn eines Elefanten. So kostbar gestaltete Schreiben ließ Alaungphaya allein solchen Herrschern zukommen, die er mit sich selbst auf Augenhöhe wähnte - und das war eigentlich nur der Kaiser von China. Die dort eingetroffenen Goldenen Briefe wurden jedoch eingeschmolzen. Darum gilt das Exemplar der Leibniz-Bibliothek heute weltweit als einzigartig.

Wie kam der Brief nach Hannover?
Georg II. erhielt das Schreiben in London, doch an seinem Hof wurde der Goldene Brief eher als Kuriosum betrachtet. Der britische König herrschte in Personalunion auch über Hannover. Er verfügte, den Brief in seiner Heimatstadt zu archivieren. So kam er in den Bestand der heutigen Leibniz-Bibliothek.

Warum blieb er so lange unbeachtet?
In Hannover wurde der Brief als Ergebenheitsadresse irgend eines „indianischen Königs“ geführt, der von der Küste Coromandel stamme, die weit entfernt vom heutigen Myanmar liegt. Auch aufgrund der fehlerhaften Zuschreibung im Katalog der Bibliothek blieb seine historische Bedeutung unklar, bis der Luxemburger Wissenschaftler Jacques Leider den Brief erforschte. Er erkannte darin jenes Schreiben Alaungphayas an Georg II., von dem Experten wussten, das jedoch als verschollen galt.

Warum ist das Blech so zerknittert?
Im Jahr 1768 ließ sich der dänische König Christian VII. bei einem Besuch in Hannover den Goldenen Brief zeigen. Er stopfte ihn jedoch so ungeschickt in sein Gefäß zurück, dass das Goldblech zerknitterte. Glätten lässt sich das Material heute nicht mehr. Die eingedrückten Schriftzeichen sind jedoch noch heute gut lesbar: In Myanmar wird die Schrift bis heute fast unverändert gebraucht.

Worin liegt die historische Bedeutung des Goldenen Briefes?
Er ist ein Zeugnis aus der Frühzeit globaler Vernetzung - und es dokumentiert zugleich deren Scheitern. Das Schreiben umschiffte die halbe Welt, ehe es in London und schließlich in Hannover landete. Der Goldene Brief erzählt auch von der Arroganz der westlichen Kolonialmächte: Georg II. beantwortete das Schreiben nicht einmal. Alaungphaya war zutiefst gekränkt; die Beziehungen zwischen Asien und Europa kühlten sich deutlich ab.

Warum wurde der Brief jetzt zum Unesco-Welterbe erklärt?
Nachdem die Unesco lange Zeit bevorzugt europäische Kulturgüter ausgezeichnet hatte, ist sie heute eher zurückhaltend damit, Welterbetitel in die Alte Welt zu vergeben. Es dürfte hilfreich gewesen sein, dass es für die Aufnahme des Goldenen Briefes ins „Memory“-Register einen internationalen Gemeinschaftsantrag gab: Da eine historische Abschrift des Schreibens in Rangun und eine Übersetzung in London existieren, unterstützten Myanmar und Großbritannien den Antrag der Leibniz-Bibliothek. So schlug der Brief mit mehr als 250 Jahren Verspätung doch noch eine Brücke zwischen den Nationen.

Wie bedeutsam ist der Unesco-Titel?
Für Hannover ist es erst der zweite Welterbetitel: Der ebenfalls in der Leibniz-Bibliothek verwahrte Briefwechsel des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz wurde schon 2007 als Weltdokumentenerbe anerkannt. Ein solcher Eintrag ins „Memory of the World“-Register ist nicht zu verwechseln mit dem Titel des Weltkulturerbes: Als solches firmieren in Niedersachsen Hildesheim, Goslar und das Fagus-Werk in Alfeld.

Was für Folgen hat die Auszeichnung?
Für die Leibniz-Bibliothek bringt der Titel vor allem Verpflichtungen mit sich: Sie muss den Brief erhalten, ihn der Öffentlichkeit zugänglich machen und der Forschung zur Verfügung stellen. „Wir haben keine unmittelbaren finanziellen Vorteile von dem Titel“, sagt Bibliothekssprecherin Marita Simon, „doch der Imagegewinn ist immens.“

Wann wird der Goldene Brief öffentlich zu sehen sein?
Die Leibniz-Bibliothek wird derzeit im großen Stil umgebaut; die Wiedereröffnung hat sich mehrfach verzögert. Der Abschluss der Bauarbeiten ist jetzt für Anfang Dezember geplant, danach soll das Haus abschnittsweise eröffnet werden. Im ersten Obergeschoss steht schon ein tonnenschwerer Tresor, in dem der Goldene Brief dann dauerhaft hinter Panzerglas zu sehen sein wird. Gut ausgeleuchtet, vor schwarzem Hintergrund.

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