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Gotscheff entfacht Handkes „Immer noch Sturm“

Salzburger Festspiele Gotscheff entfacht Handkes „Immer noch Sturm“

Zweite Theater-Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 2011: Handkes „Immer noch Sturm“ dreht sich um seine Familiengeschichte, die Geschichte der Kärntner Slowenen - und um die Sprache.

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Handkes „Immer noch Sturm“ wurde bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt.

Quelle: dpa

Salzburg. Unaufhörlich schweben Blätter zu Boden, fast fünf Stunden lang. Grüne Blätter: Es ist früher Herbst auf der Halleiner Perner-Insel, wenn Dimiter Gotscheff Peter Handkes neuen Text „Immer noch Sturm“ zur Uraufführung bringt. Ein langer, ausufernder Theaterabend zu einem Text, der zwischen Ahnenbeschwörung, Geschichtsträumerei und Partisanendrama oszilliert. Beim Publikum stößt die Inszenierung auf Begeisterung: viel Applaus und fast einhelliger Jubel für Regie und Ensemble sowie für den Autor.

Der Text „Immer noch Sturm“, eine dramatische Reflexion über Familien- und Regionalgeschichte, wurde bei Erscheinen von der Kritik bejubelt. Er führt ins Jauntal, in dem sich Handke auf die Spuren seiner kärntner-slowenischen Ahnen macht. Er erträumt für seine Verwandten eine neue Rolle in der Geschichte und lässt sie als Partisanen im Zweiten Weltkrieg kämpfen.

Handke rollt sein Thema in poetischer Sprache auf, bedient sich dabei aber einer kunstvollen Form der Montage: Über weite Strecken analysiert und kommentiert ein poetisches „Ich“, das seine eigene Geschichte sucht, seine Erinnerung. Dazwischen gewinnen die Figuren Kontur, von denen das Ich berichtet, und treten mit ihrer Sichtweise der Dinge in Erscheinung.

Dieses Textgefüge auf seine Theatertauglichkeit zu testen, vertraute Schauspielchef Thomas Oberender für die Festspiel-Uraufführung dem aus Bulgarien stammenden Regisseur Gotscheff an. Der entscheidet sich für Texttreue und macht kaum einen Schnitt. Eine Entscheidung, die vor allem Jens Harzer als Handkes Bühnen-„Ich“ enorme Textmengen zumutet. Vor allem gegen Ende verliert dabei nicht nur das Publikum mitunter den Faden.

Das achtköpfige Ensemble hat kaum Handlung zur Verfügung, nur die Sprache, um Großeltern (Gabriela Maria Schmeide und Matthias Leja), Mutter (Oda Thormeyer), deren Brüder (Tilo Werner, Hans Löw und Heiko Raulin) und die Schwester (Bibiana Beglau) zu charakterisieren. Nur selten setzt Gotscheff die Musik von Sandy Lopicic ein. Diese Passagen aber geben Handkes Abfolge von Monologen, Gesprächsfantasien und Kommentaren Struktur und verdichten das nur erzählte Geschehen zu sinnlicher Einheit von Sprache und Bild.

In solchen raren Momenten geht auch der Versuch auf, eine individuell-lokale Geschichtsreflexion, die Fakt, Wunsch und Empfindung vermischt, in eine allgemeingültige Betrachtung über Widerstand und (sprachliche) Selbstbehauptung zu gießen. „Immer noch Sturm“ ist als Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg entstanden und hat dort am 17. September Premiere.

dpa

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