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Kultur Auftakt der Chortage Hannover
Nachrichten Kultur Auftakt der Chortage Hannover
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02:16 14.06.2018
Das Abschlusskonzert der Festwoche des Forums Agostino Steffani in der Neustädter Hof- und Stadtkirche war zugleich das Eröffnungskonzert der Chortage Hannover. Quelle: Christian Wyrwa
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Hannover

Erstaunlich weit gespannte Melodiebögen, plastische, ungewöhnlich lebendige Rhythmen und schließlich Akkorde, die sich mehr und mehr mit Spannung aufladen, bevor sie sich in schönster Harmonie lösen – all das fügt sich bei Bonifazio Graziani zu einer Musik zusammen, die so vollendet ist, dass sie wie ein letztes Wort erscheint. Was soll nach solchen Klängen schon noch kommen?

Tatsächlich ist der 1604 im italienischen Marino geborene Graziani ein Komponist des Übergangs. Seine Musik ist Schluss- und Grundstein zugleich. Mit Graziani verlagert sich das Zentrum der musikalischen Welt von Venedig nach Rom, wo sie den Übergang vom Früh- zum Hochbarock markiert. Und in Deutschland, wo seine Musik an avancierten Fürstenhöfen wie dem von Hannover viel gespielt wurde, setzte sie Energien frei, die hier bald darauf zu einer bis heute beispiellosen Blüte der Tonkunst führen sollte.

Wie viele Künstler des Übergangs allerdings ist der 1664 gestorbene Graziani weitgehend vergessen. Das ist eigentlich doppelt erstaunlich: Die Geschichte dieser musikalischen Zeitenwende, ihre Verflechtung in politische und (damals oft fast identisch) religiöse Themen ist nämlich besonders interessant – und die Kompositionen selbst sind von einer Qualität, die ganz für sich selbst spricht. Zumindest Grazianis Psalmvertonungen, die nun zu einer Marienvesper arrangiert als neuzeitliche Erstaufführung bei der Festwoche des Forums Agostino Steffani zu erleben waren, geben sich selbst beim ersten Hören unmittelbar als Meisterwerke zu erkennen.

Beim Konzert in der voll besetzten Neustädter Hof- und Stadtkirche, das zugleich auch der Auftakt der Chortage Hannover ist, bringen das Collegium Vocale und das Orchester La festa musicale Grazianis Musik unter Leitung von Florian Lohmann leuchtend und leicht zum Klingen. Die Balance zwischen Musikern und Sängern ist auch in den vielen doppelchörigen Passagen bestens abgestimmt, und das Orchester mit seiner großen Continuo-Gruppe und je einem Quartett aus Geigen und Bläsern tönt so farbenreich, wie diese Besetzung es hoffen lässt. Auch das Collegium Vocale Hannover und das immer wieder von virtuosen Chorsängern erweiterte Solistenquintett können himmlische Harmonie ebenso überzeugend darbieten wie deren Gegenteil: Wenn Graziano in „Nisi dominus“ die Sinnlosigkeit eines gottlosen Lebens beschreibt, schreckt er auch vor drastischen Tönen nicht zurück.

Entdeckt und für die Aufführung eingerichtet wurden die Stücke von Lajos Rovatkay, dem künstlerischen Leiter der Steffani-Festwochen. Der Organist und Musikwissenschaftler, der lange als Professor an der hannoverschen Musikhochschule gelehrt hat, erhellt mit einer Einführung und vor allem dem ausführlichen und informativen Programmheft, das nichts mit den sonst üblichen Einwegangaben zu tun hat, auch den historischen Hintergrund und Kontext dieser Musik: Durch die Verbindung zu dem hannoverschen Herzog Johann Friedrich ist dieses Kapitel der europäischen Geistesgeschichte auch ein Stück regionale Historie. Wer Hannover als City of Music oder sogar als europäische Kulturhauptstadt begreifen möchte, findet hier überzeugende Argumente dafür.

Die Chortage Hannover

Am Dienstag werden die Chortage mit dem „Meisterkonzert I“ mit fünf Chören um 19 Uhr in der Orangerie Herrenhausen forgesetzt. Am Mittwoch folgt das „Singen in der Allee“ in Herrenhausen (12 Uhr) und das Sonderkonzert „Junge Stimmen“ in der Orangerie (19 Uhr). Am Donnertag teilt sich die „Jazz’n’Pop-Night“ in der Galerie Herrenhausen in zwei Teile (Beginn um 18 Uhr und 21.30 Uhr), auch die „Nacht der Chöre“ am Freitag setzt sich aus zwei Konzerten zusammen (Beginn um 18 Uhr und 21 Uhr). Das zweite Meisterkonzert beginnt am Sonnabend um 19 Uhr in der Orangerie. Beim Abschlusskonzert am Sonntag, 19.30 Uhr, in der Galerie steht Händels Oratorium „Jephtha“ auf dem Programm.

Von Stefan Arndt

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