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00:21 27.11.2015
Von Stefan Arndt
Swing und Blues und Soul: Gregory Porter (Zweiter von links) mit seiner Band in Hannover. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Bei dem amerikanischen Sänger Gregory Porter bedeutet Jazz noch: Swing und Blues und Soul. Das sind die Wurzeln, aus denen die weitverzweigteste Musikrichtung gewachsen ist. Und bei Porter kann man hören, dass sie nichts von ihrer Kraft verloren haben.

Seit der 1971 geborene ehemalige Footballspieler mit der markanten Kopfbedeckung vor zwei Jahren mit dem Album „Liquid Spirit“ seinen späten internationalen Durchbruch als Sänger hatte, zählt er auch in Deutschland zu den Großen des Unterhaltungsgeschäfts. Eigentlich gilt es als ausgeschlossen, dass ein Jazzmusiker das Theater am Aegi füllt. Bei Porter aber waren nach kurzer Zeit alle Karten vergriffen. Er singt von Freiheit, von der Liebe und von der Kraft durch Glauben: Seine früh im Gospelchor geschulte Stimme ist der Klang eines alten, idealen Amerikas.

Bilder des Konzerts von Gregory Porter und Band im Theater am Aegi.

Einen Vorgeschmack von dieser Stimmung gab es schon bei Avery Sunshine, die ihren Vorband-Auftritt zusammen mit dem Gitarristen Dana Johnson mit viel Klatschen, Halleluja und Elektroorgel wie einen fröhlichen Gottesdienst zelebrierte. Ihre machtvolle Stimme ist beeindruckend, aber doch wenig charakteristisch - ganz anders als bei Porter. Dessen Bariton ist tatsächlich ein Ereignis: Er tönt warm, voll und auf eine unverwechselbare Art angeraut. Vor allem aber klingt er nie völlig mühelos: Porter ist kein makelloser Techniker oder Stimmbandakrobat - seine Stimme wirkt so beseelt, dass man glauben könnte, sie käme direkt aus dem Herzen.

Diese Art zu singen passt wunderbar zu langsamen Stücken wie „Hey Laura“, seinem größten Hit, der auch in Hannover nicht fehlen darf, und zu hymnischen Liedern wie „Free“. Trotzdem erlebt man im Hannover alles andere als einen Balladenabend. Bei allem Soul vergisst Porter nie den Swing: Er lässt seine Melodien auch in schnellem Tempo frei wie Schmetterlinge auffliegen - und doch ist jeder einzelne Ton so perfekt in der Zeit platziert, dass man sich fragt, warum es das Publikum erst am Ende seine anderthalbstündigen Auftritts aus den Sitzen hebt.

Synthese aus Freiheit und Taktfestigkeit

Was man mit Rhythmen alles bewirken kann, stellt auch Schlagzeuger Emanuel Harrolds eindrucksvoll unter Beweis. Mögen andere Trommler einfach den Takt schlagen: Bei Harrolds gibt es kein stures Einzweidreivier. Kunstvoll umspielt er die betonten Taktzeiten, er schafft kleine Klangskulpturen, in deren Leerstellen die Schwerpunkte liegen wie ein Bronzeguss in der hohlen Form. Man ahnt, dass Harrolds John Coltrane verehrt: Dessen Schlagzeuger Elvin Jones hat diese erstaunliche Synthese aus Freiheit und Taktfestigkeit erfunden.

Geschichtsbewusst geben sich auch die übrigen Musiker des Quartetts: Trompeter Keyon Harrold macht noch einmal nacherlebbar, wie Miles Davis in den Fünfzigerjahren zu seinen fremdartig modalen Melodien gefunden hat, Jahmal Nichols ist ein wilder Bass-Mann à la Charles Mingus und Pianist Chip Crawford verweist mit Bach und Prokofjew sogar auf die Klassik. Einstudiert und interpretiert wirkt das alles aber nicht. Zusammen mit Porter als stimmgewaltigem Hohepriester verleiht die Band ihrer zeitlos tiefen Musik eine neue, packende Gegenwart. Genau das nennt man übrigens Jazz. Fast hätten wir das schon vergessen.

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